Diktatur und Demokratie
Eine philosophisch-praktische Betrachtung
Die beiden Begriffe stehen sich diametral gegenüber und schließen einander aus. Jedenfalls sieht sie die allgemeine Meinung so und gebraucht sie als schwarz und weiß. Sie sind Pole. Doch Pole sind Gegensätze. Schon die alten Griechen sprachen von der Einheit und dem Kampf der Gegensätze und nannten die Lehre dazu Dialektik. Und von Aristoteles stammt der Vergleich, dass zwischen Tollkühnheit und Feigheit der Mut das rechte Maß des Handelns sei. Seien wir uns also zunächst bewusst: Es gibt die beiden Begriffe gar nicht in ihrer „reinen“ Form.
Eine Auseinandersetzung über die bessere Form wäre nun nichts weiter als ein pseudowissenschaftlicher Streit um des Kaisers Bart, wenn nicht die erheblichen Auswirkungen in der Praxis wären, welche die platte Anwendung der beiden Begriffe mit sich bringen. Diese Plattheit gehört aber zu lieben Gewohnheiten der heutigen Zeit, die keiner ohne besonderen Anlass in Frage stellt. Eben das stelle ich in Frage. Diese Gewohnheit halte ich für schädlich.
Verfolgen wir die beiden Begriffe durch die Geschichte der Menschheit, tritt uns die Diktatur als erste entgegen. Dem Clanchef in der Urgesellschaft widerspricht man nicht. Es herrscht Diktatur in der Steinzeitsippe. Die Griechen entwickeln daraus die Tyrannis als Staatsform. Das Volk von Athen stürzt diese und schafft die Demokratie der Freien. Rom erfindet die Monarchie, die bis 1790 fast einzig existiert, dann macht sich wieder die Demokratie auf den Weg. Für runde siebzig Jahre erneuert sich die Diktatur, sie bricht wieder zusammen. So bleibt die Demokratie Sieger, und nur mit ihrer Form entwickelt sich die Welt weiter. So muss man denken, folgt man dem heutigen „mainstream“.
Doch so schwarz/weiß ist die Welt nicht. Sie ist dialektisch, und wenn man, nach Jahren verglichen, auch sagen könnte, die Diktatur herrsche überwältigend vor (Tyrannis und Monarchie sind nichts anderes), so stimmt das nicht. Der Clanchef der Steinzeitsippe hatte seinen Rat der weißen Männer, Griechen und Römer wählten ihre Führer und Volkstribune, die unbeschränkte Vollmacht hatten. Schaut man heute hinter die Fassade der Demokratie, sieht man die Diktatur durch die Konzerne. „Es muss alles demokratisch aussehen, doch wir müssen alles in der Hand behalten.“ Dieser Satz wird Walter Ulbricht für das Jahr 1945 nachgesagt – unwichtig, ob das stimmt – er ist das Handlungsmaxime aller „Leader“ heute.
Auch wenn wir uns nun bewusst sind, dass es „reine Diktatoren“ ebenso wie „reine Demokraten“ nicht geben kann, ist nützlich, Vorteile und Nachteile der beiden Formen zu betrachten. Beginnen wir mit der Diktatur als erster und weitaus am längsten bestehenden Form des menschlichen Zusammenlebens.
Ein Diktator kann schnell entscheiden, braucht Kritik und Rechenschaft nicht fürchten. Ist er erfolgreich, betet man ihn an.
Und wenn er scheitert? Er kann sein Scheitern niemand anlasten, er trägt die Verantwortung allein. Das Wissen darum kann ihn zögerlich werden lassen. Ein kluger, entschlossener Monarch mit Selbstvertrauen ist jedem anderen Gemeinwesen überlegen, wenn er zum Wohle seines Volkes handelt. Aus Misserfolgen lernt er. Die Sage vom „guten Kaiser Barbarossa“, der im Kyffhäuser ruht, bis in Deutschland wieder Ordnung herrsche, ist ein Beispiel, wie das Volk sich nach einer starken Zentralgewalt sehnt.
Was ist der Nachteil einer Diktatur? Sie ist abhängig von der Klugheit und der Moral des an der Spitze stehenden Menschen. „Macht korrumpiert“, soll unter vielen anderen Autoren auch Marx gesagt haben. Das Scheitern des ersten sozialistischen Versuchs ist der Beweis, dass, unabhängig von der „Klassenlage“, dieser Satz für alle Menschen gilt.
Die Demokratie ist langsam. Jede Entscheidung wird langwierig erarbeitet, die Verantwortung von Anfang an auf breite Schultern gelegt. Dem Machtmissbrauch werden von vornherein Zügel angelegt, denn im Prozess der Entscheidungsfindung müssen sich alle Akteure Kritik und Rechenschaft stellen. Ist die Demokratie erfolgreich, hat der Erfolg viele Väter.
Und wenn sie scheitert? Ist niemand mehr schuld. Jeder stiehlt sich aus der Verantwortung. Wer zieht Lehren?
Wenn die Demokratie schon langsamer ist – ist sie klüger bei ihren Entscheidungen?
„Der Weise eilet seiner Zeit voraus, der Kluge geht mit ihr auf allen Wegen, der Schlaukopf nutzet sie gehörig aus, und nur der Dumme stellt sich ihr entgegen“, hörte ich in meinen Jugendjahren einen alten Menschen sprechen. Schaffen es Weisheit und Klugheit in der Zeit bis zur Entscheidungsfindung, sich „demokratische Mehrheiten“ zu schaffen, kann die Demokratie klüger sein. Sicher ist das nicht. Denn es ist die Krux der Weisheit und Klugheit, zunächst immer Minderheit zu sein. Hat sie die Mehrheit überzeugt, ist sie schon weiter mit der nächsten Erkenntnis und wieder in der Minderheit.
Steht der Demokratie ein kluger, selbstbewusster Monarch gegenüber und wetteifern beide um das gleiche Ziel – wer hat die größeren Chancen auf den Sieg?
Vor diesem Problem standen die nordafrikanischen Kolonisten zur Zeit ihres Unabhängigkeitskrieges gegen England. Mit ihrer Verfassung suchten sie Vorteile und Nachteile beider Staatsformen zu vereinbaren. Betrachten wir grob die amerikanische Verfassung, so ist ihr Präsident ein gewählter König auf Zeit. Amerika gilt als Demokratie, doch was wählen seine Bürger? Ihren „König auf Zeit“ und seine „Berater“ (hier Senat und Kongress). Danach wird nicht mehr gewählt und eine Elite handelt hinter den Kulissen. Und als Staat sind die USA seit ihrer Gründung überaus erfolgreich, wenn auch sehr langsam – viel langsamer als Napoleon oder Friedrich, der Große.
Doch – dass Amerikas Elite zum Wohle seines Volkes handelt, besser als Napoleon oder Friedrich, der Große, wage ich zu bezweifeln. Vor Machtmissbrauch vermag die Demokratie genauso wenig zu bewahren wie die Diktatur. Nur sind die Verantwortlichen in der Demokratie viel schwieriger zu finden. So ist die Demokratie in ihrer westlichen Form die beste Verkleidung für die Diktatur der Konzerne hinter den Kulissen.
Was aber hat dieser Exkurs in Geschichte und Staatsformen mit dem täglichen Alltag zu tun?
Das dialektische Gesetz von der Einheit und dem Kampf der Gegensätze und der praktische Ratschlag des Aristoteles zum Finden des rechten Maßes gelten überall. Ihre unbewusste praktische Umsetzung ist seit Jahrhunderten in Gebrauch und erfolgreich. Es ist das Prinzip der Schiffsführung – ein Kapitän und seine Offiziere. So wird alles geführt, was in der menschlichen Gesellschaft in überschaubaren Größen geführt werden muss. Die Grundrichtung wird gewählt, sie ist das Interesse der Mehrheit. Der Chef (Kapitän) wird gewählt, weil man zu ihm Vertrauen hat, dass er die Aufgabe am besten meistert. Danach wird gehandelt mit Disziplin und Unterordnung ( - bis zur nächsten Wahl).
„Einer muss den Hut auf haben“, sagt der Volksmund und „Viele Köche verderben den Brei“. Solche Sprüche sind Volksweisheit, geronnen aus der Erfahrung von Jahrhunderten.
Für mich als Kriegskind sind das Binsenwahrheiten, Auxiome sagt man in der Wissenschaft. Ich verstehe alle später Geborene, die auf Grund der „Achtundsechziger“ damit Probleme haben. Doch Autorität und Vertrauen, die ich einfordere, sind ebenfalls Teile von Gegensätzen, bilden eine Einheit und fechten Kämpfe aus und suchen das „rechte Maß“.
Wobei wir wieder bei der Philosophie und am Anfang wären.
01.09.06 1.108 Wörter Klaus Buschendorf