Wie diese Gesellschaft zu verändern wäre (Teil 3)
Bei Einhaltung des Grundgesetzes – Gedanken eines Einzelnen
Wir sollten nicht nur über die Abwehr der Agenda 2010 und ihrer Folgen reden und Aktionen dazu führen. Dies ist eine Verteidigungsstrategie, bei deren Durchführung wir uns maximal dort freuen, wo es gelang, die Angriffe des Neoliberalismus in ihrer Wirksamkeit zu mindern. Dauerhafte Erfolge werden wir so nicht erzielen.
Wir müssen diese Gesellschaft
verändern. Sonst bleibt alles Stückwerk, was wir tun.
Ich habe mich gefragt: Gab es eine Zeit, die mit der heutigen vergleichbar ist? Dagegen scheint viel zu sprechen. Wir haben heute die höchste Lebenserwartung, die es je für die Menschen gab (zumindest in Europa und Nordamerika) und niemand muss hungern.
Doch unsere Jugend kleidet sich vorwiegend dunkel, Zukunftsaussichten bewertet der Einzelne trüb. Das war bis in die Siebziger ganz anders. „Wohlstand für alle“ war die herrschende Losung, die Löhne stiegen und die Mode leuchtete. Was geschieht heute?
Unternehmen zahlen am 15. des Folgemonats Lohn, einzelne streben den 25. an. Man klagt über Kosten und bittet die Arbeitnehmer um Verständnis und um Verzicht auf früher gewährte Zulagen, die Globalisierung verlange das. Ich las eine Geschichte aus der Kaiserzeit und vom Lohntag am Freitag. Nanu, stutzte ich. Kreditieren wir nicht heute den Verkauf unserer Ware Arbeitskraft der ersten Kalenderwoche an die „Arbeitgeber“ zinslos für fünf Wochen? Und das reicht manchem „Arbeitgeber“ noch nicht? Was haben wir zu erwarten, wenn selbst einige Befürworter von Hartz-IV plötzlich sagen: Hartz IV muss weg, es ist zu teuer?
Werden wir uns klar: Es ist ein Angriff auf uns im Gange, langfristig schon, und er wird nicht aufhören.
Geschichte wiederholt sich nicht, so sagt man. Doch diese Meinung beruht auf oberflächlichen Verwechslungen. Geschichte wiederholt sich doch, aber niemals im Detail. Es lebt sich bei uns heute ähnlich wie zum Ende der Weimarer Republik in Deutschland. Statt der Juden damals sollen heute Ausländer die Sündenböcke sein, Arbeitslose galten auch damals als „Sozialschmarotzer“ und statt heutiger 1-Euro-Jobber gab es Arbeitsdienst. Die Unternehmen müssten Kosten sparen – und meinten auch damals nur weniger Lohn für ihre Arbeiter. Zuspitzung der Verhältnisse durch die Unternehmen mit ungewissem Ausgang – das war Ende der zwanziger Jahre so wie heute.
Soll unsere heutige Zeit so weiter
gehen wie in Deutschland zu Beginn der dreißiger Jahre? Gibt es andere Erfahrungen
aus der Geschichte, noch frühere? Wie begann die deutsche Arbeiterbewegung? Sie
kämpfte gegen Kinderarbeit und 12-Stunden-Arbeitstag und schaffte die 48-Stunden-Woche
– die gibt es im Wach- und Sicherheitsgewerbe heute nicht mehr! Wie
schaffte sie das unter Kaiser Wilhelm und mit August Bebel?
Die erste deutsche Vereinigung der Arbeiter (heute „Arbeitnehmer“, welch unsinniges Wort) war ein „Allgemeiner Deutscher Arbeiterbildungsverein“, gegründet von Ferdinand Lassalle. Die Arbeiter gründeten Vereine, Turnvereine, Gesangsvereine, aber man turnte und sang nicht nur, man sprach auch über das, was in der Fabrik geschah, denn dort stand man zwar nah beieinander, doch unter Aufsicht von Vorarbeitern und Meistern. Doch die „Arbeiterbildung“ trug Früchte: Die SPD entstand, Gewerkschaften, Bismarcks Ausweisung aktiver Arbeiter trug zur Verbreitung der sozialdemokratischen Ideen bei, er fühlte sich zu „Zuckerbrot...“ genötigt: Das deutsche Sozialversicherungssystem entstand, noch heute beispielgebend für die Welt. Nach dem I. Weltkrieg trug die SPD oftmals den Staat, verstand sich als „Arzt am Krankenbett des Kapitalismus“, Gewerkschaften erhielten Rechte in den Betrieben. Hitlers Diktatur ließ alles stocken, doch in den siebziger Jahren der Bundesrepublik war dies der Stand der Gesellschaft, wie ihn der Bundesbürger wahr nahm und der DDR-Bürger neidvoll auf ihn schielte, denn „Wohlstand für alle“ schien endlich zum Staatsziel geworden.
Doch das war nicht normal für den Kapitalismus.
Er stand in einer unerwarteten Konkurrenz zu einem anderen System und brauchte seine Bürger. Deshalb versprach er Wohlstand, ein wenig mehr als auf der anderen Seite. Warum sollte er das noch tun, als der Konkurrent gefallen war? Der Kapitalismus wurde wieder „normal“. Und das heißt: Den „Arbeitnehmer“ ausbeuten, sosehr es nur geht.
Und der „Arbeitnehmer“, gewöhnt, dass er doch jetzt „Partner“ sei, hatte Verständnis für die Probleme seines „Arbeitgebers“ und ließ vieles mit sich machen.
Aber der „Arbeitgeber“ ist kein „Partner“. Er kauft die Ware Arbeitskraft nach demselben Prinzip wie in der Wirtschaft möglichst billig und tut alles, sie so billig wie möglich zu bekommen. Dazu ist ihm alles recht, in Deutschland tut er dieses, in China jenes, in Indien wieder anderes – Hauptsache, die „Ware Arbeitskraft“ verursacht wenig Kosten. Was interessiert ihn der Verkäufer, Menschlichkeit, Verständnis sind kein wirtschaftliches Kalkül, „Gutmenschen“ findet er verachtenswert – haben „Gutmenschen“ wirtschaftlichen Erfolg? Er kann nur Spott und Hohn übrig haben für Verlierer – in seiner Klasse für den Bankrotteur, in unserer Klasse für den Arbeitslosen. Genauso geht er mit ihnen um.
Das ist normal!
Wie wehren wir uns? Es geht nicht viel anders, wie es unsere Vorgänger zu Zeiten Kaiser Wilhelms taten. Wir haben gar nicht so ungleiche Bedingungen. Die heutige Produktionsweise lässt Arbeitsplätze vereinzeln, es gibt keine Werkhallen mehr wie auf Menzels Bild „Im Stahlwerk“, an den Taktstraßen bei Opel und VW steht alle fünf Meter vielleicht ein Mann. Wachleute sehen regelmäßig gerade drei Kollegen für fünf Minuten am Tag. Die Vereinzelung ersetzt die Vorarbeiter und Meister der wilhelminischen Zeit.
Ich kann kein Rezept geben. Ich kann nur sagen: Lernen wir von den ersten Arbeitern und wenden wir es an in unserer heutigen Zeit. Als erstes aber müssen wir lernen, wer wir sind: Verkäufer der Ware Arbeitskraft. Verkäufer handeln und feilschen, verweigern sich auch zu Zeiten – und müssen kämpfen, um zu überleben. Das Wort „Klasse“ sei überholt und passe nicht mehr in unsere Zeit? Das mag ich nicht glauben, vor allem dann, wenn ich sehe, wer so spricht.
Andere in Europa scheinen in diesem Prozess weiter zu sein. Man schaue nach Frankreich, nach Italien. Wollen wir die „deutschen Michel“ bleiben?
Mai 2006 950 Wörter Klaus Buschendorf
Veröffentlicht in der Internetzeitung www.artikel-eins.com