Worttreue – Überlegungen zum Verlauf von Diskussionen

Von Klaus Buschendorf

 

Viele Diskussionen enden in Hader, weil sich die Partner über Bezeichnungen nicht einigen können. Und später verstehen sie sich nicht mehr. Ich habe darüber nachgedacht, warum das so sein könnte.

 

Ich gehe davon aus, dass die Phänomene (die Ereignisse) unabhängig von ihrem Namen existieren. Verschiedene Menschen geben ihnen verschiedene Namen, das resultiert schon aus dem Vorhandensein verschiedener Sprachen. Die Ereignisse selbst berührt das gar nicht. Bin ich ein Wissenschaftler und untersuche das Ereignis, will ich das so genau wie möglich tun. In der Namensgebung schlägt sich das dann nieder. Wird unter Wissenschaftlern das Ereignis besprochen, wird das so genau wie möglich geschehen. Es entwickelt sich eine Fachsprache, welche dem gemeinen Sterblichen kaum verständlich ist. Das ist keine wissenschaftliche Besonderheit, jede Berufsgruppe kennt ihren „Fachjargon“, jede soziale Schicht verwendet einen verschiedenartigen Wortschatz. Doch die „benannten“ Ereignisse bleiben davon unberührt.

 

Das sind doch „Binsenwahrheiten“, kann man dazu sagen. Ja, doch die aneinander gereihten „Binsenwahrheiten“ haben Folgen. Die einen streben nach Genauigkeit der Wortwahl, die anderen wollen verstehen, was gemeint ist. Wer die Schlichtung zu Stuttgart 21 gesehen hat, weiß, was ich meine. Reihenweise führte Heiner Geißler die Experten beider Seiten vor, wie unverständlich sie für den einfachen Bürger sprachen. Man sah, wie sie sich mühten, denn das waren sie nicht gewohnt, haben es kaum getan. Hier führte die Autorität des Schlichters zur Befolgung nach Wortwahl zur Verständlichkeit – im normalen Alltag gibt es eine solche Autorität selten, jeder wählt seinen gewohnten „Jargon“ – und versteht einen der andere nicht, ist er halt „zu blöd“, oder „zu ungebildet“. Fertig ist das Urteil, die Diskussion am Ende, die beiden Parteien gehen unbefriedigt auseinander. Der Anlass, das „Phänomen“, ist davon unberührt.

 

Was passiert eigentlich in diesem Sprachmissverständnis? Zwei Gegensätze haben sich herausgebildet: Genauigkeit und Verständlichkeit. Sie bedingen verschiedene Wortwahl für dasselbe Ereignis. Man müsste nach einem richtigen „Maß“ zwischen ihnen suchen. Das aber misslingt. Je nachdem, ob ich als Wissenschaftler zum anderen, oder zum gemeinen Sterblichen spreche, wird der „Fachjargon“ vom Gesprächspartner als zutreffend, genau, wortgetreu, oder als „abgehoben“, „zu kompliziert“, „weltfremd“ eingeschätzt. So einfach sich dieses Tagesereignis anfangs gab, es entwickelt sich ein dialektisches Problem aus ihm, wenn ich die „Binsenwahrheiten“ logisch aneinander reihe. Eine methodische Frage entsteht: „Wie sag’ ich’s meinem Kinde ...?“ Und je nach „Art des Kindes“ bleibt die „Wortreue“ auf der Strecke, entweder die Genauigkeit leidet, oder die Verständlichkeit – damit muss ich leben.

 

Keine Lösung? Wissen um diese Zusammenhänge ist die Lösung – und daraus resultierende Toleranz der Gesprächspartner. Was dem einen „zu grob“ ausgedrückt ist, ist dem anderen „logisch“, dem nächsten „kompliziert“ ... Wissen um den unterschiedlichen „Jargon“ lässt in jede Richtung Verständnis wachsen. Wie das praktisch funktionieren kann, konnte man sich bei der Schlichtung zu Stuttgart 21 abschauen. Man darf nur keine Angst haben, dass die „Worttreue“ auf der Strecke bleibt! Ich kann verschiedene Worte für dieselbe Sache wählen – dem Ereignis, dem Phänomen, ist das völlig egal.