Wie diese Gesellschaft zu verändern wäre (Teil 4)
Bei Einhaltung des Grundgesetzes – Gedanken eines Einzelnen
Wir sollten nicht nur über die Abwehr der Agenda 2010 und ihrer Folgen reden und Aktionen dazu führen. Dies ist eine Verteidigungsstrategie, bei deren Durchführung wir uns maximal dort freuen, wo es gelang, die Angriffe des Neoliberalismus in ihrer Wirksamkeit zu mindern. Dauerhafte Erfolge werden wir so nicht erzielen.
Wir müssen diese Gesellschaft
verändern. Sonst bleibt alles Stückwerk, was wir tun.
Denn: Dass unser Tun nur Stückwerk bleibt, daran arbeitet eine große Lobby sehr zielstrebig. Sie schafft viele Probleme, an denen wir uns verzetteln sollen. Sie gebraucht Worte, die uns falsch leiten können. „Arbeitgeber“ ist ein solches Wort. Ein Arbeitgeber gibt nicht Arbeit, höchstens die Möglichkeit, dass der „Arbeitnehmer“ Arbeit leisten kann. Er verkauft sie gegen Lohn, seine Ware Arbeitskraft an den Besitzer von Produktionsmitteln. Was ist der Unterschied zwischen dem Verkauf der Ware Arbeitskraft an den Besitzer von Produktionsmitteln und dem Verkauf eines Apfels am Marktstand an den Kunden, den Käufer?
Der Apfel ist die Arbeit, sein Preis entspricht dem Lohn – der Händler dem „Arbeitnehmer“, der Kunde, Käufer ist der „Arbeitgeber“ – warum der Widersinn solcher Wortwahl zwischen Arbeitern und Unternehmern? Wer hat die Wortwahl eingeführt? Waren es nicht die Käufer der Ware Arbeitskraft? Was wird verschleiert?
Der Käufer des Apfels zahlt den
Preis sofort. An der Wende des 19. zum 20. Jahrhundert arbeitete der Arbeiter
für einen Wochenlohn: Für den ersten Tag seiner Arbeit gab er dem Unternehmer
fünf Tage Zahlungsaufschub.
Wie viel zinslosen Kredit gibt der „Arbeitnehmer“ heute seinem „Arbeitgeber“, vier Wochen, sechs Wochen?
Allein dieses Beispiel kann überzeugen, besser vom Ausgebeuteten, dem Proletarier zu reden, wie Karl Marx, Friedrich Engels und August Bebel schon ab Mitte des 19. Jahrhunderts sprachen. Es hat sich im Wesen des Kapitalismus seitdem nichts geändert für die ausgebeutete Klasse, die Arbeiter. Für wen ist es „unfein“, „unmodern“ diese alten klaren Begriffe zu verwenden? Doch nicht für uns! Wer führt den Angriff in dieser Auseinandersetzung heute? Wer schuf Hartz I-IV, beschimpft die Arbeitslosen als „Nutznießer der sozialen Hängematte“ und sorgt dafür, dass Arbeiter jenseits der Fünfzig in die „soziale Hängematte“ hinein gestoßen werden?
Es ist die Lobby der Ausbeuter,
der Superreichen, die so spricht in den allgewaltigen Medien. Klassenkampf –
Klasse – Klassenbewusstsein gar, das muss sie fürchten. Wie kuschelig
klingt dagegen das Wörtchen „Arbeitnehmer“! Klassenkampf – Klasse – Klassenbewusstsein,
das klingt nach Solidarität der Ausgebeuteten, der
„Ware-Arbeitskraft-Verkäufer“! Solche Solidarität lernte sie fürchten Ende des
19., Anfang des 20. Jahrhunderts. Also muss man Solidarität zerschlagen,
spricht heute von der einzig möglichen „Kraft des Individuums“, der Fähigkeit
des Einzelnen, seines „eigenen Glückes Schmied“ zu sein, wenn nur die „absolute
Freiheit“ gewährleistet ist, kein Staat sie beschneidet, keine Ideologie, keine
Moral den hemmungslosen Egoismus der Stärksten bremst.
So finden wir nach dem falschen Gebrauch von Wörtern ein zweites Kampfmittel der Ausbeuterklasse gegen uns, die Ausgebeuteten: Die Propagierung eines hemmungslosen Egoismus. Ihr Mittel ist die Vorbildwirkung von „Karrieren“. Rüttelte nicht der Sohn einer armen Kriegerwitwe an den Toren des Kanzleramtes und sprach: „Ich will hier rein“? Was ist er heute? Kam nicht der Namensgeber der Hartz-Gesetze aus Gewerkschaftskreisen? Das sollen Vorbilder sein, geht es nach der Lobby der Ausbeuterklasse. Sind sie es? „Diesem System keinen Mann und keinen Groschen!“ sagte dazu August Bebel und sprach von „Stehkragenproletariern“ und Arbeiterverrätern.
Könnte man sich August Bebel vorstellen, zum Reichskanzler gewählt? Schwer, doch geht das noch. Denn die Sozialdemokratie damals glaubte daran, dass sie mit dem Stimmzettel die Macht im Staat erringen könne. Aber, dass August Bebel nach seiner Amtszeit zu Krupp in die Konzernspitze wechselt – undenkbar!
Unter Bebels Führung ertrotzte sich die SPD vom Reichskanzler Bismarck eine Sozialgesetzgebung, beispielgebend in der Welt. Heute sei diese nicht zu halten, behaupten die Lobbyisten und „beweisen“ es mit 1.000 Statistiken und dem „demografischen Problem“. Was sie verschweigen, sind die Entnahmen in der Vergangenheit, eigentlich Diebstähle en gros. Die Ausbeuter hatten die Macht, sie stahlen und verschweigen es.
Wenn wir diese Gesellschaft verändern wollen, sind zunächst zwei Dinge wichtig: Bedienen wir uns der Worte, die unsere Lage richtig beschreiben. Und sagen wir dem hemmungslosen Egoismus den Kampf an, der unter Missbrauch des Wortes „Freiheit“ heute segelt. Streben wir wieder nach Solidarität der ausgebeuteten Klassen und lassen uns nicht mehr blenden von der Lobby der Ausbeuter und ihrer kuscheligen Wörter.
Denn wir haben heute noch keine Demokratie. Unsere heutige Staatsform ist eine Parteienherrschaft. Außer der Linkspartei.PDS erhalten alle Parteien Parteispenden von der Ausbeuterklasse, man bedenke: Alle! Was folgt daraus? Alle sind sie Lobbyisten!
Unsere Demokratie ist heute in
Wahrheit eine Lobbykratie. Zur Demokratie müssen wir sie erst noch
machen.
Tun wir es!
Juli 2006 766 Wörter Klaus Buschendorf
Veröffentlicht in der Internetzeitung www.artikel-eins.com