Von Klaus Buschendorf
Das
Thema ist interessant. Ihr Artikel in der „jungen Welt“ am 03.01.2011 hat Staub
aufgewirbelt. Doch vor einem ersten Wort dazu muss ich sie zitieren: „... Ich zitiere Rosa
Luxemburgs Forderung nach der Freiheit des Andersdenkenden und weise darauf
hin, dass sich deswegen der sowjetische Parteikommunismus nicht mit ihr, die
für die Partei DIE LINKE eine der wichtigsten Bezugspersonen der
Arbeiterbewegung ist, versöhnen lässt. Und ich fordere zum Schluss eine
Politik, die beweist, dass dem demokratischen Sozialismus die Zukunft
gehört.”(Aus einer Erklärung von Gesine Lötzsch vom 05.01.11)
Nur wenn dieser Ausgangspunkt bei jedem weiteren
Gespräch beachtet wird, hat es Sinn, zu diskutieren. Ich lege jedem Diskutanten
ans Herz, dass Gesine Lötzsch hier unterscheidet: Sowjetischer
Parteikommunismus ist nicht der Kommunismus, von dem sie spricht.
Für mich ist dieser Parteikommunismus ein
staatsmonopolistischer Kapitalismus mit sozialistischer und kommunistischer
Tarnung. Dabei spielt keine Rolle, ob das auch die Führenden des
Parteikommunismus so gesehen haben und nur heuchlerisch sprachen, oder
selber "Selbst"-getäuschte waren. Ich halte mich an die Methode von
Marx, eine Gesellschaftsordnung nach ihren ökonomischen Grundlagen zu
bezeichnen (Sklaverei –Arbeit durch Sklaven, Feudalismus – Arbeit der Bauern
auf dem "feudum", dem Lehen, Kapitalismus – Arbeit organisiert durch
Kapital). Nach diesem Marx'schen Maßstab hat es bisher weder Sozialismus noch
Kommunismus gegeben! Wird also alles, was Gesine Lötzsch ausführt, nach den
Maßstäben des üblichen Meanstreams bewertet, das Wort Kommunismus auf den
üblichen Sprachgebrauch der Massenmedien reduziert, wird die Diskussion über
ihre Vorstellungen schon am Anfang an üblen Missverständnissen scheitern.
Warum hatte sich der Name
"Kommunismus" in der Mitte des 19. Jahrhunderts für eine neue,
nächste Gesellschaftsordnung eingebürgert? Die Arbeit sollte in der
"nächsten" Gesellschaft nach Vorstellungen von Marx und Engels
"kommunal", in Verantwortung der Menschengruppen organisiert sein,
welche diese Arbeit leisten. Wie das aussehen könnte, dazu hatten
weder Marx noch Engels klare Vorstellungen, vermieden jede Prognose. Hier
kommt Gesine Lötzsch auf die Vorstellungen der Klassiker zurück, dass sich die
Keimzellen der neuen Gesellschaft nur in der alten entwickeln können. Es
kann keinen "Sprung" geben, die Wege müssen versucht und ausprobiert,
öfter auch verworfen und neu gesucht werden. (In diesem Sinne betrachte ich die
"Diktatur des Proletariats" als einen verworfenen Versuch.)
Man vergleiche: Kein Mensch nennt heute noch
einen neuen Erdenbürger "Adolf". Aber: Was kann der alte deutsche
Name "Adolf" dafür, dass einer der größten Verbrecher so hieß?
An Gesine Lötzschs Stelle hätte ich den Namen
"Kommunismus" aufgrund seines Missbrauchs vermieden. Die Bezeichnung
"demokratischer Sozialismus" ist nicht viel glücklicher. In der
Sache kann ich ihr gut folgen. Ich verweise auf den Schluss meines Artikels
über "Worttreue" in der letzten Ausgabe:
"... Ich kann verschiedene Worte für
dieselbe Sache wählen – dem Ereignis, dem Phänomen, ist das völlig egal. ..."
Das
Wort Kommunismus ist durch seinen Missbrauch belastet wie der Name Adolf. Das
müssen wir wissen und beachten, wenn wir weiter über Gesine Lötzschs Artikel
diskutieren wollen. Sonst zerstreiten (vielleicht sogar beschimpfen) wir
uns hoffnungslos. Emotionen sollten nicht hochgefahren werden, sie dienen
nicht der Sache selbst, der Erkenntnis des Phänomens. Emotionen führen in ihrer
Steigerung zu blutigen Unruhen. Gerade die möchte ich vermeiden. Und darum
halte ich Sachlichkeit für das erste Gebot in dieser Diskussion.
08.01.2011 Nach Gesine Lötzsch
“Wege zum Kommunismus – Junge Welt 03.01.11