Wie diese Gesellschaft zu verändern wäre (Teil 7)
Bei Einhaltung des Grundgesetzes – Gedanken eines Einzelnen
Wir sollten nicht nur über die Abwehr der Agenda 2010 und ihrer Folgen reden und Aktionen dazu führen. Dies ist eine Verteidigungsstrategie, bei deren Durchführung wir uns maximal dort freuen, wo es gelang, die Angriffe des Neoliberalismus in ihrer Wirksamkeit zu mindern. Dauerhafte Erfolge werden wir so nicht erzielen.
Wir müssen diese Gesellschaft
verändern. Sonst bleibt alles Stückwerk, was wir tun.
Wollen wir mehr als das
erreichen, sollten wir wissen, was wir an Stelle des Alten tun.
Das war nie so in der
Geschichte. Viele Menschen meinen, man müsse nur aufklären über die
Scheußlichkeiten in der Gesellschaft, die Veränderung käme dann von ganz
allein. Doch was geschieht, wenn man die Geschichte sich selbst überlässt?
Viele meiner Leser möchte
ich warnen, jetzt weiter zu lesen. „Olle Kamellen...“ und „Blabla...“ höre ich
schon in meinem Ohr. Oder: „Heute ist alles anders als früher...“ Doch: Wer in
die Zukunft denken will, darf Geschichte nicht verachten. Dort liegt der
Schlüssel, Möglichkeiten zu erkennen und die Fragen zu beantworten: Was
steht uns bevor? Was kann geschehen? Doch
unser Blick wird ein anderer sein, als das trockene Geschichtsbuch lehrt.
Als 1789 aufgebrachte Pariser die Bastille stürmten, wussten sie nur, was sie nicht mehr wollten: Die feudalistischen Verhältnisse ihrer Zeit. Ihr Sturm wäre aussichtslos gewesen. Dass er gelang, verdankten sie dem Kommandanten der Bastille. Der wollte nicht auf Franzosen schießen. Seine Kanonen sollten keine Häuser zerschmettern und keinen Stadtbrand auslösen. So übte er Verrat an seinem König, weil er Leben schützen wollte. (Solches kam öfter vor in den Revolutionen der Geschichte.) Er kannte seine Zeit. Mit den Beauftragten der Empörer handelte er aus, dass seine Soldaten in Verkleidung die Festung verließen, um sie zu schützen vor der Lynchjustiz. So geschah es auch.
„Das steht in keinem Geschichtsbuch“, höre ich empörte Antworten. Nein, steht es nicht. Kein Lehrplan hält diese Einzelheit für erwähnenswert. Nachfolgende Geschichtsschreibung flicht nur dem Sieger Kränze. Aus dem Sieg entstand die Losung „Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit“. So heißt es. Was verstanden die Akteure jener Zeit darunter, gebrauchten sie die Worte so wie wir heute? Die Leibeigenen wollten frei ihren Beruf wählen, frei heiraten dürfen, wann und wen sie wollten und frei auch ihren Wohnsitz wählen. Nichts hatten sie gegen eine staatliche Ordnung, die sie gegen Übergriffe schützt.
Was verstehen unsere heutigen Konzerne, unsere „Globalplayer“ unter Freiheit? Dass kein Staat ihnen ihr Profitstreben begrenze, der „Markt muss frei“ sein – keine Steuern für die Allgemeinheit, keine Begrenzung der Ausbeutung durch Gesetze – wie übersetzen wir ihren Gebrauch des Wortes „Freiheit“ heute besser? Mit „Anarchie“, mit „Recht des Stärkeren“.
Das Wort „Gleichheit“ verstanden
die Akteure von 1789 nur vor dem Gesetz. Bauer, Bürger, Edelmann und Klerus
sollten gleich behandelt werden vor dem Richter. Wir würden dies heute besser
mit dem Wort „Gerechtigkeit“ ausdrücken. Wie gebrauchen heute unsere Medien das
Wort „Gleichheit“? Als Nivellierung aller Menschen zur Aufhebung ihrer
Unterschiede.
Doch es kommt noch schlimmer. „Brüderlichkeit“ – dies Wort erfand erst die spätere, glorifizierende Nachwelt. „Freiheit – Gleichheit – Eigentum“ lautete die erste Losung der Französischen Revolution. Die Leibeigenen forderten Eigentum, nicht Brüderlichkeit, denn sie wollten mehr ihr eigen nennen als nur ihren Leib. Fatal wird jetzt die Wirkung der nachfolgenden, glorifizierenden Geschichtsschreibung. Die Revolutionäre von 1917 schreiben sich die „Gleichheit“ auf die Fahnen, das vergessene, besser, verdrängte „Eigentum“ wollen sie gleich ganz abschaffen. So bringen sie die ganze Welt gegen sich auf. Sie hatten ein Imperium in Besitz genommen, fast ohne Blutvergießen. Jetzt rücken von allen Seiten Armeen vor. Russland blutet aus, doch die Revolutionäre organisieren sich militärisch und siegen. Es ist ein Pyrrhus-Sieg. Denn – die Macht behauptet mit militärisch-diktatorischen Methoden – vergessen die Revolutionäre die Worte ihrer geistigen Väter: „Der Staat stirbt ab auf dem Weg zum Kommunismus. Die Menschen organisieren sich selbst.“
So wiederholt sich, was schon 1789 geschah: Die Revolution frisst ihre Kinder. Der Artillerieleutnant Napoleon macht Frankreich zum Zerrbild des erträumten Staatsgefüges. Ein Kaukasier, erzogen im Umfeld von geübter Blutrache, erkämpft die Macht im Sowjetreich auf Kosten seiner alten Kampfgefährten, auf Kosten von Millionen Opfer, die ihm gläubig folgten und schafft ein Zerrbild vom Kommunismus, den die alten Bolschewiken wollten – einen staatsmonopolistischen Kapitalismus.
Denn was geschieht mit Eigentum, dass man allen wegnimmt? Es wird nicht „Volkseigentum“, auch nicht „niemandes“ Eigentum, es wird zum alleinigen Eigentum des Diktators an der Spitze. Die Willkür dieses Mannes kann größer werden als die jedes Feudalherren der alten Zeit. So geschah es auch.
Ein „Mono-Kapitalist“ steht an der Spitze. Getarnt ist dieses System mit Worten und sozialen Leistungen für die Menschen. Doch ihm fehlt, was den Kapitalismus antrieb: Der Wettbewerb der Eigentümer, der Markt. Im „Realsozialismus“ wird kommandiert (geplant) – der „sozialistische Wettbewerb“ kann nicht leisten, was er soll.
1989 wissen wieder Menschen, was sie nicht mehr wollen. Ehe sie Zeit haben, ihrem Veränderungswillen Ziele zu geben, wird ihr Gemeinwesen gepflückt wie ein reifer Apfel, fällt anderen in den Schoß ohne eigenes Bemühen.
Was ist zu lernen? Die Revolutionäre von 1789 zerstörten nur – die neue Ordnung entstand unter schlimmen Wirren. Die Revolutionäre von 1917 hatten schon eine Vision – doch ihre Mittel taugten nicht. Sie verfehlten das Ziel.
Was ist heute gleich, was ist anders als 1789? Äußerlich ist vieles anders. Doch – innerlich?
Der Feudaladel lebte von seinen Gütern. Selbst arbeiten brauchte er nicht. Der heutige Geldadel lebt von seinem Vermögen, von den Zinsen und Dividenden. Arbeitet er selbst, ist das für ihn Hobby – ein gut bezahltes Hobby. Altbundespräsident Johannes Rau gab dem in seiner letzten Amtsrede Ausdruck. Er sagte sinngemäß: „In der Zeit der Bonner Republik ( bis 1989) verdiente ein Aufsichtratsmitglied das Zwanzigfache eines Durchschnittsarbeiters. Das fand er angemessen seiner Leistung und Verantwortung. Zu seiner Zeit, in der Berliner Republik (nach 1989), war das Verhältnis 1: 120. Das fand er – unanständig.“
Inzwischen ist das Verhältnis schon über 1: 180 gestiegen. Doch gibt es „Lichtblicke“. Die Siemens-Manager erhöhen sich ihre Bezüge um 30%, man hinke den anderen Managern doch schon lange hinterher. Plötzlich steht ihre „ausgesourcte“ Handysparte vor der Pleite. Aus lauter Verständnis setze man die „Lohnerhöhung“ für ein Jahr aus, den alten „Kollegen“ zu helfen, ihnen mit einem „Sozialplan“ den Übergang in die Arbeitslosigkeit zu erleichtern. Ist das nicht wirklich „solidarisch“?
Was ist damals, 1789 und heute, wirklich und gänzlich gleich? Die ungerechte Verteilung des erarbeiteten Reichtums. Diese Ungerechtigkeit schafft alle Probleme der heutigen Zeit: ...das demografische Problem, ...das Gesundheitsproblem, ...das Neidproblem, ...das Bildungsproblem, ...die Arbeitslosigkeit... All unsere heutigen Probleme sind ein Rauchvorhang, gelegt von der Lobby des Kapitals vor das Kernproblem unserer Zeit – und dieser Rauchvorhang wird fleißig gepflegt in Talkshows, Politikerreden und wissenschaftlichen Gutachten.
Wir, unsere Eltern, unsere Großeltern und Ältere haben schon mehrere Versuche hinter sich, das Grundproblem zu lösen. Wie gehen wir es besser an?
Darüber lohnt sich, nach zu
denken.
Oktober 2006 1.127 Wörter Klaus Buschendorf
Veröffentlicht in der Internetzeitung www.artikel-eins.com