Wie diese Gesellschaft zu verändern wäre (Teil 8 und Schluss)

Bei Einhaltung des Grundgesetzes – Gedanken eines Einzelnen

 

Wir sollten nicht nur über die Abwehr der Agenda 2010 und ihrer Folgen reden und Aktionen dazu führen. Dies ist eine Verteidigungsstrategie, bei deren Durchführung wir uns maximal dort freuen, wo es gelang, die Angriffe des Neoliberalismus in ihrer Wirksamkeit zu mindern. Dauerhafte Erfolge werden wir so nicht erzielen.

 

Wir müssen diese Gesellschaft verändern. Sonst bleibt alles Stückwerk, was wir tun.

 

Die Frage in der Überschrift dieser Artikelfolge ist ja keineswegs neu. Im täglichen Sprachgebrauch tritt sie selten auf. In den Mühen des Alltags wird ein allgemeiner Unglauben daran ausgeprägt. Man ist froh, den täglichen Kleinkram an Bürokratie, in der Arbeits- (oder Arbeitslosen-)Welt, die familiären und persönlichen Schwierigkeiten gemeistert zu haben. Die uns überflutenden Möglichkeiten der überall präsenten Massenmedien besorgen den Rest, sich solchen Fragen nicht zu stellen. Dabei stellten sich die Menschen in allen Zeiten dieser Frage und wagten Versuche dazu. Ein letzter Versuch ist erst vor historisch kurzer Zeit gescheitert.

 

Doch in heutiger, öffentlicher Diskussion fand er gar nicht statt. Kommt wirklich einmal die Sprache auf den „Ostblock“ und die Zeit vor 1990, ist man in allen Massenmedien schnell fertig mit den Worten „Diktatur“, „Mauer“ und „Stasivergangenheit“. War das wirklich alles? Bleibt uns Heutigen nicht mehr im Gedächtnis haften von der Begeisterung Tausender Menschen, die nach dem II. Weltkrieg im Osten ein sozialistisches Deutschland schaffen wollten, das ausstrahlen in die kapitalistische Welt, und endlich ein ganzes, besseres Deutschland werden sollte? Haben ihre Leistungen nicht mehr verdient als jenes geringschätzige Abtun, mit der jeder „DDR-Bürger“ für seine Lebensleistung rechnen muss?

 

Ich denke, es ist an der Zeit, andere Fragen an die Geschichte zu stellen, als nur jene nach Diktatur, Mauer und Stasi. Wo kippte dieser Versuch des Aufbaus einer neuen Gesellschaft? Gab es vielleicht schon am Anfang eine falsche Weichenstellung? Konnten das die damaligen Aktivisten vielleicht gar nicht erkennen, wir aber könnten es nach dem Prinzip: Versuch und Irrtum? 

 

Zu Anfang der Sowjetzeit soll Lenin gefragt worden sein, wie er die Wirtschaft des Landes organisieren wolle. „Wie die Post“, soll er geantwortet haben. Da fehle doch der Konkurrenzkampf, wurde ihm entgegen gehalten. Lenin soll für sich die Lösung gefunden haben, als ihm von einer freiwilligen Aktion von Eisenbahnern berichtet wurde. Die räumten an einem freien Sonnabend den Hof ihrer Reparaturwerkstatt auf – ohne Lohn. Als „Subottnik“ wurde das die Keimzelle des späteren „sozialistischen Wettbewerbs“, doch – der hat nicht funktioniert. Muss man eigentlich allen Fabrikbesitzern die Betriebe nehmen? So frage ich heute. Würde nicht genügen, das Maß, die „Freiheit“ des Konkurrenzkampfes so weit zu begrenzen, dass er nicht den Untergang des Konkurrenten, sondern nur die Verbesserung des Produkts, die Zufriedenheit des Kunden zum Ziel hat? Wer könnte diese Grenze ziehen, wer solche Grenzen durchsetzen?

 

Ein Zeitungsartikel aus dem „Euro am Sonntag“ Nr. 47 vom 19.11.06 liegt vor mir und ich zitiere aus der Seite 35: „...Doch wie die große Mehrheit der Oligarchen hat auch Jewtuschenkow die Herrschaft von Russlands Präsident Wladimir Putin voll akzeptiert. Im Februar 2000 hatte Putin mit den wichtigsten Firmenvertretern des Landes eine Abmachung getroffen. Diese sollten sich von der Politik fern halten, im Gegenzug bleibt ihr Besitz unangetastet. Der damalige Yukos-Chef Michael Chodoroski hielt sich als einziger nicht an diesen Pakt und fristet seither sein Leben im sibirischen Gefängnis... “ So herrschten in Deutschlands Glanzzeit im Mittelalter die Ottonischen Kaiser. Einem ungehorsamen Lehnsherren entzog der Kaiser sein Lehen. Kaiser Barbarossa tat das als letzter mit den Welfen. Erst als in Deutschland die Kaisermacht nieder ging, wurde das Mittelalter „finster“. Setzen wir die Lehnsherren, Landesfürsten damals mit den heutigen Chefs von „Globalplayern“ gleich, den Kaiser damals mit der Staatsgewalt von heute, können wir unsere Zeit als „Modernen Feudalismus“ bezeichnen, einen Modernen Feudalismus, in dem die Staatsgewalt zu einem Schatten herab gesunken ist, ganz so wie die letzten deutschen Kaiser in Wien.

 

Was geschah in Deutschland nach diesem Niedergang? Ein Karl Marx suchte nach Veränderung, ein Ferdinand Lassalle fand, Arbeiter sollten lernen, und August Bebel schuf eine Partei. Sind wir heute nicht in ähnlicher Lage? Sollten wir nicht lernen von unseren Großvätern und ähnlich handeln wie sie? Haben wir nicht praktische Erfahrungen, gute und schlechte? Sind wir deshalb nicht in besserer Lage als sie mit diesem Wissen um Fehler der Vergangenheit? Lernen wir aus ihr! Betrachten wir differenzierter, was die DDR schuf, erinnern wir uns, ehe es vergessen wird. Denken wir an Lenins wirtschaftspolitischen Schwenk von 1920. Er sprach zu den hungernden Arbeitern, die sich über nerzbekleidete „NÖP-Kapitalisten“ beschwerten: „...wir brauchen sie. Sie sollen unter Kontrolle der Partei unsere Wirtschaft voran bringen...“ Stalin machte dem ein Ende, Stalin, der Verräter des Kommunismus und sein Totengräber. Nur den Namen beließ er seinem verräterischen Werk.

 

Handelt nicht Putin heute so, wie das Lenin nicht mehr konnte? Und was geschieht eigentlich in China?

 

Es gibt viel nach zu denken und zu lernen, denke ich. Nachdenken über Lehren der Vergangenheit, auch über zeitweilige Erfolge. Nach zu denken auch über neue Verbündete. Ich glaube, für eine Veränderung der Gesellschaft haben wir viel mehr, als wir gemeinhin glauben. Die rechte Sprache müssen wir noch finden, die rechte Sprache unter uns – und zu unseren potentiellen Verbündeten.

 

November 2006                                  863 Wörter                                         Klaus Buschendorf

 

Veröffentlicht in der Internetzeitung www.artikel-eins.com