Du sollst nicht falsch Zeugnis legen wider deinen Nächsten!

 

Leserbrief auf Titelartikel „Minusgeschäft Sozialversicherung – Der große Betrug“

„Euro am Sonntag“ vom 04.02.2007

 

Ihre Zeitung ist sehr informativ. Ich lese sie regelmäßig. Zu diesem Artikel, der auf Recherchen des Bayreuther Ökonomieprofessor Peter Oberender beruht, muss ich antworten. Mit der größten Selbstverständlichkeit schreiben die Autoren, dass bereits Konrad Adenauer 1953 das Rentengesetz bei seiner Inkrafttretung gefährdete, indem er den vom Nationalökonom Wilfried Schreiber eingeführten Teil einfach strich. (Schreiber schlug vor, dass Eltern weniger in die Rentenkasse einzahlen als Kinderlose, da diese ihr Kapital ja in die Kindererziehung stecken.) Außerdem erhöhte Adenauer ohne Grund die Rente von vornherein um 65%. So ganz ohne Grund wird es nicht gewesen sein, spielten da vielleicht wahltaktische Gründe eine Rolle? Ist dieses Handeln nicht unverantwortlich gegenüber den kommenden Generationen? Die Verfasser werten das nicht. Es steht nur als Tatsache in ihrem Text.

 

Ich sage Ihnen als Insider sicher nichts Neues, wenn ich erinnere: Die „Portokasse“, aus der ein Herr Kohl die „Kosten der deutschen Einheit“ bezahlte, waren die Rentenkassen. Über die Beträge wissen Sie sicher besser Bescheid. Aber diese „Kosten der deutschen Einheit“ hätten gar nicht zu sein brauchen, wäre das Volksvermögen der fünf neuen Länder nicht von einer „Treuhand“ verschleudert worden! Waren die Mitarbeiter der Treuhand nicht ausdrücklich befreit von rechtlichen Folgen ihres Handelns? Besaßen sie damit nicht einen Freibrief, Volksvermögen zu verschleudern, ohne Ausschreibungen, ohne Gebote, wie das üblicherweise hätte sein müssen?

 

Dann führen Sie noch ein Argument ins Feld: Die ältere Generation würde sich der Kinderaufzucht verweigern und habe nur 1,4 Kinder pro Frau statt der notwendigen 2,1. Sie habe den „Pseudovertrag längst gekündigt“. Warum das so gesehen werden kann, übergehen sie. Ist es nicht die Forderung nach Mobilität, die jeder Familie feindlich gegenüber steht? Haben Sie schon einmal an den Autobahnen gestanden Freitag nachmittag und Sonntag abend und die unendlichen PKW-Kolonnen gesehen, die zur Arbeitsstelle bzw. zum Wohnort fahren? Können Sie sich in die Lage eines jungen Wachmannes versetzen mit 4,40 €/Std.? Er arbeitet in einer Dienstleistungsfirma. Je nach Auftragslage seines Unternehmens können das 100 oder auch 250 Stunden im Monat sein. Ein solcher Wachmann kann sich kaum eine Freundin anlachen! Er muss auch noch Benzinkosten zu wechselnden Arbeitsorten aufbringen. Wie soll der eine Familie gründen, Kinder ernähren, privat fürs Alter vorsorgen?

 

Sie aber stellen einfach in den Raum: Die Generation verweigert sich der Kindererziehung. Dabei sind es die großen Konzerne, die es den Menschen (die für sie nur „Humankapital“ sind) unmöglich machen, so zu handeln, wie sie es eigentlich wollen. Denn: Menschen (nicht „Humankapital“) wollen Kinder haben! „Doch die Verhältnisse, die sind nicht so“, würde Berthold Brecht dazu sagen. Wer schafft diese Verhältnisse? 

 

Dass die Verfasser des Artikels von Menschen sprechen, merkt man überhaupt nicht. Sehen Sie sich ihre Wortwahl an: Es graust, ihn zu lesen. Der Artikel erinnert mich in seiner Gesamtheit an den Ausspruch der französischen Königin Marie-Antoinette zur Zeit der Französischen Revolution: „Das Volk hat kein Brot? Warum isst es keinen Kuchen?“ Ich warne vor einem bösen Erwachen. Denn – wer hat hier wen betrogen?

 

Zur Ergänzung: Meine Frau und ich sind Jahrgang 44 und 41, haben 4 Kinder und 8 Enkel.

 

Klaus Buschendorf