Neiddiskussion... ?

 

Die Deutschen seien ein Volk der Neider, sagt man auf Talkshows. Seltsam. Denn neulich las ich in populärwissenschaftlicher Literatur, dass derartige Charaktereigenschaften mit einer Nation nichts zu tun haben. Neidisch, wie man es allgemein gebraucht, sind Amerikaner wie Zulus und alle anderen Menschen auch. Neid ist ein Ansporn, mehr zu leisten. Dieser Ansporn gehört zu unserem Leben, zu unserer „Leistungsgesellschaft“. Warum also, und in welchem Zusammenhang sagen Leute, Neid sei schlecht?

 

Es ist immer von Einkünften die Rede, wenn solche Worte fallen. Es sind hohe Einkünfte, sehr hohe Einkünfte, die mit außergewöhnlicher Leistung begründet werden. Und die Menschen, die sie erzielen, arbeiten hart dafür. Kein Grund also für andere, auf diese hohen Einkünfte neidisch zu sein. So sagt man in der Talkshow.

 

Wir haben wieder die Zeit von Auswertungen des Vorjahres. Eine Zahl möchte ich heraus greifen. Um 7% haben die Einkünfte einer Bevölkerungsgruppe zugenommen im letzten Jahr. In meiner Umgebung kenne ich niemand, dessen Einkünfte sich verbesserten. Ich lese in den Auswertungen, dass diese Zunahme 10% der Bevölkerung betreffen – jene, die bereits die Hälfte des gesamten Volksvermögens besitzen! Wenn ich das vergleiche, jene Zunahme mit meinem Stagnieren – bin ich dann neidisch? Vergleiche ich noch die gestiegenen Preise mit meinem stagnierenden Einkommen und blicke wieder zu jenen Privilegierten, denen steigende Preise höchstens ein müdes Lächeln kosten – bin ich dann neidisch?

 

In dieser Gesellschaft wird den Armen genommen, um es den Reichen zu geben. Wir brauchen den Mechanismen nicht im Einzelnen nach zu gehen. Es geschieht. Das verletzt das Gerechtigkeitsempfinden jedes normal denkenden Menschen. Und dann kommt man ihm: Sei nicht neidisch! Ist das nicht absurd?

 

Es ist nicht absurd, es ist logisch. Um das zu verstehen, muss man dem Gedankengang der Superreichen nach gehen. Sie wissen um die Ungerechtigkeit, doch geben es nicht zu. Also verdreht man das verletzte Gerechtigkeitsgefühl der Benachteiligten in Neid. Man packt ihn an seiner Ehre – neidisch zu sein, lässt man sich doch nicht nach sagen, oder? So dient das Argument dazu, die gerechte Empörung nieder zu halten, die aus diesem verletzten Gerechtigkeitssinn des einfachen Volkes entstehen könnte. Denn sie ist eine Gefahr – für die Superreichen! Sie wollen ja noch reicher werden. Sie kennen kein Ziel „des Wachstums“. Und weil das Ganze ein „Null-Summen-Spiel“ ist, in der ganzen Gesellschaft nichts verloren geht und nichts hinzu kommt, kann man nur reicher werden, wenn man anderen nimmt. (Sagt so nicht Gordon in jenem kurzen Filmausschnitt? www.meudalismus.dr-wo.de/html/inhalt.htm) 

 

Wer sind jene Superreichen? Haben Sie es mit „harter Arbeit“ geschafft, mit „Leistung“, wie so oft behauptet? Schaut man auf die Liste der reichsten Leute und darauf, worauf ihr Reichtum beruht, dann findet man kaum „harte Arbeit“. Zumeist steht Erbschaft dort als Ursache. (www.wirtschaftsblatt.at/home/news/unternehmen/4489/index.do)  Harte Arbeit mag für Bill Gates gelten. Da gab es mal einen kleinen Kreis von Studenten der damals unbekannten Informatik, die besessen ihre Ideen austauschten. Bill Gates war unter ihnen. Er sagte eines Tages, man solle nicht mehr einfach alles austauschen, man müsse damit auch endlich Geld verdienen. Die anderen wollten nicht. Bill Gates stieg aus, schuf Windows und verdiente Geld, viel Geld. Ich gönne es ihm. Die anderen machten weiter wie bisher. Sie schufen Linux, gleichwertig Windows, doch Geld verdienten sie kaum. Windows beherrscht den Markt.

 

Ja doch, er kommt noch vor in unserer Welt, der amerikanische Traum. Der Edison von heute heißt Bill Gates. Das ist einer, ist ein Genie. Und die anderen? Haben die Chancen?

 

Es gibt viele Genies wie Bill Gates, aber nur einer unter vielen hat auch Glück. Vom Tellerwäscher zum Millionär ist keine Perspektive für viele Menschen. Heute bleiben die Millionäre unter sich und lassen äußerst selten jemand in ihren Kreis hinein. Unser ganzes Geldsystem mit Zins und Zinseszins sorgt dafür, dass nur der Reiche reicher werden kann (der „Investor“) und der Arme draußen bleibt.

 

Gibt es keine Chance, dass das je anders wird? Oh doch. Ein erkanntes Problem ist ein halbes Problem, heißt es. Also sollten wir uns bilden, lernen, wie diese Gesellschaft hinter den Talkshows funktioniert! (www.meudalismus.dr-wo.de/#r)  Und protestieren, wenn wir wieder etwas ärmer werden sollen. Den „Aufrechten Gang“ trainieren, den Superreichen und ihren Lobbyisten in der Politik die Grenzen ihrer Macht zeigen! Und Verbündete suchen. Denn unter dem „Einsamen Reichtum“ leiden nicht nur die Ärmsten. Immer mehr Wohlhabende werden herab gestoßen zu den Ärmsten. Sie wollen es nur nicht recht glauben!

 

In unserem Kampf haben wir ein mächtiges juristisches Pfund. „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“ (GG, Art. 14) Fordern wir das ein von den Superreichen!

 

Und zerreißen wir das Netz aus Worten der Täuschung, mit denen eine gut bezahlte Lobby uns die Sicht auf das Hauptproblem unserer Zeit vernebeln will!

 

31.03.07            Klaus Buschendorf            veröffentlicht in www.artikel-eins.com