Philosophie – praktisch

 

Heiko Jens Samoleit, Betreiber eines Forums im Internet, brachte mir eine Rede von Eugen Drewermann in der Stuttgarter Friedenskirsche am 28.05.06 nahe. Konstantin Wecker hatte diese frei gehaltene Rede nach einem Tonbandprotokoll aufgeschrieben und auf seiner Website veröffentlicht.

 

Ich fand die Rede unter dem Titel „Politik – Hinter den Schlagzeilen“ sehr beeindruckend in ihrer Zusammenstellung. Doch ihrem Grundansatz muss ich widersprechen. In der Folge schreibe ich meinen Diskussionsbeitrag für das Forum nieder.

 

www.politikforum.parlaris.com - Asien und China – Europa braucht eine Chinastrategie

 

Ich unterstütze Eugen Drewermann in seiner Aussage. Aber ich habe einen Einwand. Seine Methode ist falsch.

 

Er fordert, dass zunächst die Menschen in sich anders werden müssen, dann verschwindet das Böse im Menschen. Dieser Methode kann ich nicht zustimmen. Sie hat auch schon versagt, seit es Religionen gibt. Und keine Religion sagt (auf ihre Weise) anderes.

 

Ich finde die Aufgabenstellung so falsch wie die Frage: Was war zuerst, das Ei oder die Henne? 

 

Der Mensch ist (wie auch jedes Tier) das Produkt zweier Kräfte: Seiner Umwelt und das seines Bewusstseins. Das ist nicht neu. Das haben die alten Griechen schon gesehen mit ihrer Lehre vom Widerspruch. Die alten Chinesen sahen Gleiches  in ihrer Lehre vom Ying und Yang. In der Elektrotechnik gibt es Plus und Minus. Die Welt ist bipolar, ob im Geist oder materiellen Bestehen. Die Lösung fand Aristoteles. Nicht die Beseitigung eines Pols ist das Ziel menschlicher Tätigkeit, sondern das rechte Maß dazwischen ist die Richtung des menschlichen Handelns.

 

Er führt ein Beispiel an. Zwischen Tollkühnheit und Feigheit ist der Mut das rechte Maß des Handelns.

 

Gedanklich ist dem sehr einfach zu folgen, wenn man sich die Mühe macht, so zu denken. Doch im praktischen Handeln tut sich die Menschheit schwer. Sie mag es einfach nicht umsetzen seit 2000 Jahren. Es ist das praktische Problem der ganzen Philosophie, dass die Menschheit eigentlich keinen moralischen Fortschritt seit dieser Erkenntnis gemacht hat. Da hilft auch nicht der Stolz auf die ganze Weltraumfahrt und die Erkenntnisse über das Universum.

 

Ich frage jeden Leser: Wo sieht er seine Lösung, wo ist der Ansatz? Würde nur der Ansatz gefunden, praktisch, sehe ich eine Lösung – allerdings ist sie lang und mühsam. Wer folgt meinen Gedanken?

 

Was kritisiere ich am Grundansatz von Eugen Drewermann? Er will das Böse im Menschen beseitigen.

 

Ich meine: Man kann das Böse im Menschen nicht beseitigen. Bipolar wie der Strom, der zwischen Plus und Minus fließt und beide Pole braucht, lebt und handelt der Mensch zwischen gut und böse. Nimm dem Strom einen Pol, ist er erloschen – nimm dem Menschen gut oder böse, kann er nicht leben.

 

Man zähme die Pole, der Strom kann fließen. Man gebe dem Menschen Regeln, so kann er leben.

 

Die Pole des Menschen sind Umwelt und Seele. Wie ändert er sich? Verändere die Umwelt, so wird der Mensch anders, verändert seine Seele. Verändert sich seine Seele, ändert er seine Umwelt. Was war zuerst? Ei oder Henne?

 

Wir müssen beobachten, was in dieser Welt augenblicklich mehr bewegt, Seele oder Umwelt? Ich bin der Meinung, dass heute die von Menschen bereits geschaffene, gesellschaftliche Umwelt den Menschen mehr bewegt als seine Seele. Denn diese heutige, Angst machende Umwelt belastet seine Seele. Also leben wir nicht zu Luthers Zeiten, die nach Seelenfreiheit schrie. Wir leben in Zeiten, in der uns Superreiche im Sinne ihres wachsenden Superreichtums eine Umwelt bescheren, die uns arm werden lässt immer mehr, arm an Geld und Seele.

 

Also: Wir müssen unsere Umwelt ändern, heute, damit unsere Seele wieder freier atmen kann! 

 

Und so sind wir, gekommen von der Philosophie, vom Widerspruch, von Polen, von gut und böse, wieder dort, wo wir heute hin müssen: Veränderung der gesellschaftlichen Umwelt – wir brauchen andere Regeln!

 

Was taten wir mit diesen Gedanken? Wir stellten einzelne Bäume und Gebüsch beiseite, um den Wald zu erkennen.

 

Nun wenden wir uns wieder dem einzelnen Baum zu, dem, der zuerst gefällt werden sollte, damit wir wieder ohne Angst in den Wald gehen können. Doch unser Blick wurde geschärft: Wir erkennen, welchen Baum und welchen nachfolgenden müssen wir als erste fällen, damit ein Weg entsteht.

 

Ein Weg in den Wald – denn ohne Wald kein Weg.

 

Ist das überspannt formuliert? Oder nur einfach naiv? Hätte ich Bewusstsein statt Seele sagen sollen? Sind diese Fragen wichtig?

 

28.05.2006                                          707 Wörter                                     Klaus Buschendorf