Freier Wille – eine Betrachtung zum Jahreswechsel

Von Klaus Buschendorf

 

Im täglichen Leben glaubt man selbstverständlich, dass man einen freien Willen hat. Schaut jemand nach längerer Zeit auf einen Lebensabschnitt zurück und betrachtet seine Entscheidungen kritisch, kann es ihm erscheinen, dass seine Lebensbahn vorbestimmt war. Er kannte nur nicht alle Umstände zu der Zeit, als er die Entscheidungen treffen musste. Um eine solche Erscheinung zu untersuchen, lohnt es sich, alle Bewegungsformen der Materie hinabzusteigen. Ist nicht Ursache und Wirkung ein ehernes Gesetz? Und damit alles vorbestimmt? Ein mechanisches Uhrwerk ist das anschauliche Beispiel für das Wirken der Kausalität. Bei diesen Überlegungen wollen wir jedoch nicht vergessen, dass Begriffe wie Freiheit und Wille stets an ein Subjekt, einen Menschen gebunden sind. Umgangssprachlich mag man den Begriff der Freiheit auch in anderen Bereichen verwenden, als philosophischer oder ethischer Begriff ist er an die menschliche Gesellschaft gebunden.

 

Ursache und Wirkung. Gehen wir zur untersten bekannten Stufe der Materie, der Quantenphysik. Radioaktivität kennt jeder, Halbwertszeit ist ein gängiger Begriff. Man weiß, dass nach bestimmter Zeit die Hälfte aller radioaktiven Atome zerfallen ist. Doch wann das einzelne Atom zerfällt, ist ihm nicht anzusehen. Man sagt: In diesem Falle ist die Kausalität nur noch statistisch zu erfassen. Es gibt viele Gesetze der Quantenphysik, die auf diesem grundlegenden „Axiom“ aufbauen. Die Heisenbergsche Unschärferelation ist ein Beispiel unter vielen.

 

Betrachten wir die Mathematik, welche versucht, die allgemeine Physik zu beschreiben. Das gelingt ihr gut in den vier Grundrechenarten. Die ganze Mechanik (darunter das Uhrwerk) baut auf ihr auf. Doch schon in der Integralrechnung, bei der Diskussion der Kegelschnitte, existieren oft zwei „gleichrangige Lösungen“. Der Baumeister muss selbst entscheiden, welche für ihn zutrifft. Diese Grenze der Mathematik setzt sich in der Raumfahrt fort. Das sogenannte „Dreikörperproblem“ (Erde-Satelit-Mond z. B.) kennt gar keine exakte Lösung, sondern unendlich viele. Der Raumfahrtingenieur muss sich mit Näherungslösungen zufriedengeben.

 

Machen wir einen Sprung zur Biologie. Auf den Galapagosinseln entdeckte Darwin die Entwicklung der Arten aufgrund ihrer isolierten Lage von allen übrigen Teilen der Welt. Er entdeckte dort die Entwicklung – vorher glaubte man an die Schöpfung und ihres unveränderten Fortbestands. Das war ein günstiger Ort für die Entdeckung eines Zusammenhangs. Später fand man aufgrund seiner Entdeckung, dass sich die Arten anders entwickelten auch in anderen Teilen der Welt. Arten teilten sich, gingen zugrunde – weil sich die Lebensumstände änderten. Alles determiniert, ist die oberflächliche Folgerung. Doch die Gründe für diese Artenvielfalt lagen nicht in den Arten selbst, geologische Entwicklungen führten zum Zusammenschluss und zur Trennung von Kontinenten, zu Inseln, Wüsten oder Savannen. Warum es zur Trennung von Kontinenten kommt, hat Ursachen im Erdinneren, in Veränderungen astronomischer Gegebenheiten der Erde – Kausalitätslinien sind nicht mehr nachvollziehbar, wir sprechen von – Zufällen. Das bekannteste praktische Beispiel dieses Wirrwarrs von Kausalitäten ist das Wetter, die Meteorologie.

 

Aus heutiger Sicht die höchste Form der Bewegung der Materie ist die Gesellschaft, die Geschichte der Menschen. Sie hat eindeutig determinierte Vorgänger. Der Mensch ist ein Säugetier. Dessen höchster Organisationsgrad ist die soziale Gruppe (die Meute, das Rudel, die Herde usw.). Setzt man das mechanisch fort, entsprechen dem beim Menschen Familie, Stadt und – Staat, schließlich die sich heute global organisierende Menschheit. Dazu musste die Menschheit bestimmte Entwicklungsstufen durchlaufen. Betrachtet man im Nachhinein bestimmte Entwicklungsabschnitte kritisch, stellt sich immer die Frage: Sind sie optimal gelaufen? Bei kritischer Betrachtung wird der Nachgeborene stets feststellen: Das geschah nie. Der Nachgeborene, ausgestattet mit der „Gnade der späten Geburt“, hätte es rückblickend anders, zweckmäßiger machen können. Und er stößt unweigerlich darauf, dass Persönlichkeiten in der Geschichte eine Rolle spielen. Ein Alexander von Mazedonien war in der Lage, alle Fertigkeiten der griechischen Gesellschaft seiner Zeit so auszunutzen, dass er ein Weltreich schuf, das alle ihm bekannten Länder umfasste. Doch in Indien wollten seine Truppen nicht mehr weiter. Er war klug genug, hier seine Grenze zu erkennen und sie nicht zu überschreiten. Er kehrte um. Andere geschichtliche Personen brachten das nicht fertig. Napoleon überschritt seine Möglichkeiten, als er gegen Russland zog. Das größte (und schlimmste) Beispiel solcher Selbstüberschätzung ist wohl Hitler. Doch – was wäre in Europa geschehen, wenn die Wiener Kunstschule zur rechten Zeit den Alois Schickelgruber als Kunstmalerstudenten aufgenommen hätte? Alle Welt ist sich doch darüber einig, dass nur die Person Hitler ein derartiges Maß der Perversion in Europa durchsetzen konnte. Zufall – Gesetz?

 

Was wir hier untersucht haben in den verschiedenen Bewegungsebenen, ist das Verhältnis zwischen Kausalität und Inkausalität. Wir stellen fest: Es gibt immer beide. Die Welt ist nicht vom „Laplaceschen Dämon“ bestimmt, der alles vorher bedacht hat und alles weiß. Philosophisch gesehen, beherrschen Gegensätze die Welt. Es gibt sie immer: Hell und dunkel, kalt und heiß, schwarz und weiß, schnell und langsam, klug und dumm, böse und gut, arm und reich. Jeder weiß das und richtet sich im praktischen Leben danach. Wenn sich das so darstellt, muss es ein Grundgesetz der Welt sein – und nach solchen Grundgesetzen sucht die Philosophie, seit es sie gibt. Die alten Griechen fanden den Begriff Gegensätze dafür. Und sie fanden dafür den Zusammenhang von der „Einheit und dem Kampf der Gegensätze“ – den Widerspruch. Sie bedingen sich wechselseitig und zwischen ihnen herrscht gleichsam immer Spannung. Diese bewegt die Welt. Dabei kann es vorkommen, dass die Gegensätze ihre Bedeutungen regelrecht tauschen (was heute richtig ist, ist morgen falsch), sich „negieren“. Betrachtet man aber dieses „Negieren“, entsteht dabei Neues, man spricht von einer neuen „Qualität“. Diese „Qualitäten“ können geradezu „übereinander liegen“, das heißt, sie wiederholen sich unter anderem Gesichtspunkt. Dann haben wir vor uns das dritte Gesetz der Dialektik der alten Griechen – die Negation der Negation. Dem Wesen nach kann es unendlich viele solcher Negationen der Negation geben – eine Spirale der Entwicklung entsteht, die als Spirale von der Seite zu erkennen ist, von oben aber als ewiger Kreis erscheint. Und so wie das anschauliche Beispiel der Mechanik das Uhrwerk ist, ist es der Wechselstrom für das Wirken der dialektischen Gesetze: Die Pole Plus und Minus, die Spannung zwischen ihnen erzeugt eine Drehbewegung, die Rotation des Generators führt zur höheren Stromstärke (der neuen Qualität) und das Ganze ist die immerwährende „Negation der Negation“ – Strom fließt oder – die Welt bewegt sich.

 

Kommen wir zurück zum „freien Willen“ des Subjekts und zum Ausgangspunkt unserer Überlegungen in der Quantenphysik. Wir haben schon dort gesehen, es gibt immer Determinismus und Indeterminismus. Ersetzen wir diese Begriffe durch die umgangssprachlich leichter zu handhabenden Worte Ordnung und Chaos, stellen wir fest: Es gibt immer beide. Sie sind die „Pole“, die Gegensätze der Dialektik. Und sie existieren überall. Demzufolge gibt es keinen „Laplaceschen Dämon“, und die Welt ist nicht auf ein Ziel vorbestimmt. Diese Feststellung finden wir in allen Ebenen der materiellen Bewegung und des Denkens. 

 

Und weil es Ordnung und Chaos gibt in der Welt – haben wir einen freien Willen! Was zu beweisen war! (Quod erat demonstrantum!)