Gott und die Welt – Nachdenken über Religionen und Menschen
Von
Klaus Buschendorf
Ich gehe von christlichen Uransichten aus:
Ich untersuche das Erste Gebot: Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.
Logik hat mir Gott, der Schöpfer, gegeben. Wende ich sie an, muss ich folgern: Wenn es nur einen Gott gibt, kann der Mensch nicht andere Götter neben ihm haben. Betet ein Mensch also einen Baum, einen Stein oder irgend etwas in der Welt als seinen Gott an, betet er ihn an, den Einzigen. Die drei monotheistischen Religionen haben demzufolge nur verschiedene Namen für ein und denselben Gott. Ihre Unterschiede beschränken sich auf Rituale, wie die Menschen ihm dienen oder ihn anbeten. Religionen, die viele Götter haben, spalten seine Erscheinung nur in verschiedene Bereiche. Diese „Götter“ sind nur verschiedene Ansichten, Teile des einen Gottes. Auch sie unterscheiden sich also nur in äußeren Ritualen, im Erscheinungsbild, von den drei monotheistischen Religionen.
In den modernen Wissenschaften findet Gott keinen Platz. Man spricht von den materiellen Erscheinungen und den Naturgesetzen. Der Zusammenhang zwischen ihnen, so sagt die Wissenschaft, erschließt sich in ihrem Wirken. Die materiellen Erscheinungen sind fassbar. Naturgesetze sind das nicht. Im Zusammenwirken der materiellen Erscheinungen können wir die „unsichtbaren“ Naturgesetze erkennen und für uns erschließen. Naturgesetze sind somit gleichsam die „Seele“ der Natur, das Materielle der Natur ihr „Körper“. Die Seele des Menschen wird in der Naturwissenschaft in der Regel mit dem Wort „Bewusstsein“ bezeichnet. Rückwirkend auf diesen Gedankengang können wir die Naturgesetze als das Bewusstsein, die Seele der Natur bezeichnen. Diese Anschauung finden wir in vielen Naturreligionen wieder. Einige Naturvölker verbeugen sich vor dem Stein, dem sie bei Gebrauch „weh tun“ müssen. Sie bitten das Tier um Verzeihung, wenn sie es töten, weil sie es als Nahrung brauchen. In der Logik solchen Denkens können wir auch unsere eigene „Seele“, unser eigenes „Bewusstsein“ als Bestandteil einer „Weltseele“, eines „Weltbewusstseins“ sehen.
Bin ich im logischen Denken so weit fortgeschritten, bleibt nur noch zu fragen, warum wir solches „Weltbewusstsein“ nicht auch Gott nennen können? Ich denke – ja. So ist auch dem Atheisten die Brücke zum Gläubigen möglich. Er definiere das Ideelle in der Natur als Gott – schon gibt es keinen prinzipiellen Unterschied mehr zwischen ihm und dem religiösen Menschen.
Ich habe einen großen Kreis im Denken geschlagen, um festzustellen, dass Auseinandersetzungen zwischen Religionen und zwischen „Gläubigen“ und „Ungläubigen“ lediglich auf verschiedenem Sprachgebrauch beruhen. Von sich heraus sind sie nicht notwendig. Warum aber haben die meisten Menschen offensichtlich noch nie so weit gedacht?
Ich glaube, jede Religion oder Weltanschauung schafft mit ihren Ausübungsritualen eine Art „Schere im Kopf“. Diese schneidet ein logisches Weiterdenken über die gewohnten Begriffe und Denkgewohnheiten hinaus ab. Das ist schade und schlimm. Denn so kann der Anders- oder Nichtgläubige zum Feind werden.
Ich kehre zurück zum Ersten Gebot. Auf die eine oder andere Art und Weise ist es in jeder Religion vorhanden. Und hat doch eigentlich gar keinen Sinn. Denn es gibt doch nur den einen Gott!
Oder doch? Wenn man nämlich in die beiden Sätze statt Gott das Wort „König“ einfügt – sofort ergibt sich ein sehr praktischer Sinn. Dass es mehr als einen König in der Welt gibt, ist jedem Menschen schon immer klar gewesen. Und Königtum beruft sich stets in seiner Herkunft auf ein Sendungsbewusstsein durch Gott. Die Gleichsetzung der Worte Gott und König tritt in vielen christlichen Liedern auf. Ein Herrschaftsanspruch wird durch das Erste Gebot legitimiert. Es wird gebraucht im Sinne: Du sollst keinen anderen König haben neben mir.
Wenn die Menschen über diese beschriebene Schwelle hinaus logisch denken, die „Schere im Kopf“ überwinden, kann der Toleranz, dem Frieden und einem anderen Herrschaftsverständnis ein weites Feld geöffnet werden. Neu sind solche Überlegungen nicht. Man lese von Lessing „Nathan, der Weise“ und darin die Ringparabel, welche dieser dem Sultan Saladin vorträgt. Und die Indianer Nordamerikas hatten schon immer die Vorstellung von einer beseelten Natur.
So kann das Erkennen der Unlogik des Ersten Gebots eine Brücke sein. Über diese Brücke können alle Menschen zueinander gehen und brauchen sich nicht fürchten. Die Logik im Denken kommt von Gott! Sie anzuwenden, kann nicht Sünde sein!
Gott und die Welt – Religionen: Kultur, Opium, Machtinstrument …?
Ein unlogisches Erstes Gebot – warum gibt es das? Nichts in der Welt ist ohne Zweck. Wer das aufgeschrieben hat, verfolgte damit ein Ziel. Nun ist ja die Bibel Gottes Wort, auch wenn Menschen diese Worte aufgeschrieben haben, so waren diese Menschen nur seine Werkzeuge. So habe ich das als getaufter Christ in Christenlehre und Konfirmationsunterricht gelernt. Daran zu zweifeln lernte ich viel später.
Wann erhielten die Menschen die Gebote? Die Juden hatten sich aus der Knechtschaft Ägyptens gelöst und zogen durch die Wüste Sinai. Diese Menschen kosteten die Freiheit aus und taten zunächst, was in jeder vorher unterdrückten Gruppe geschieht: Sie schlugen über die Stränge. Ihr Führer Moses sah Notwendigkeit zum Handeln und brachte die Gebote – das waren Grenzen, notwendig, damit eine Gemeinschaft funktioniert. Wir Heutigen sollten uns überlegen und vor Augen führen, dass vor den Geboten all das erlaubt war! Aber mit Anarchie als Grundlage kann keine größere Gemeinschaft funktionieren. Nun gab es die Gebote, Grenzen – das war auch Kultur in den Beziehungen der Menschen untereinander. Das war auch Zwang – und zum ersten Mal erlebte diese Volksgruppe, dass Freiheit und Zwang zusammenwirken, dass beide immer da sind. Vergessen wir Heutigen das nicht!
Als „auserkoren Volk Gottes“ hatte ihnen Jahwe (oder Jehova, man schrieb damals nur Konsonanten auf) ein „Gelobtes Land“ hinter der Wüste versprochen. Sie fanden es und sahen: Da lebten schon Menschen. Was tun?
In der Bibel finden wir keine Hinweise, ob man friedliches Einigen versucht hat. Moses Nachfolger Josua behauptete vor seinem Volk, Gott habe angewiesen, mit Feuer und Schwert jeden Menschen zu vernichten, der ihrer Landnahme wehren wolle. Wo blieben da die Gebote? Du sollst nicht töten! Du sollst nicht begehren Deines Nächsten …! Im Umgang mit „Fremden“ wurden sie ignoriert, sozusagen auf „völkerrechtlicher Ebene“.
Ist Ihnen schon einmal aufgegangen, wie in alten christlichen Liedern die Worte „Herr“, „König“, „Gott“, „Vater“ völlig durcheinander gehen? Hier kommt die Unlogik des Ersten Gebotes im praktischen Handeln zum Vorteil des „Herrn“ – ob er nun Vater oder König ist – Du sollst keinen anderen … haben neben ihm! Folge Josua, damals im „Gelobten Land“, keinem anderen! So lautet die Botschaft praktisch für den einzelnen Menschen!
Hier finden wir die Wurzel für das „Gottesgnadentum“ der Fürsten, die Machtgrundlage für das ganze Mittelalter. Der einfache Mensch braucht nicht nachdenken, er braucht nur Glaube und Gottvertrauen. Und kommen dennoch einmal Zweifel, dann sind „Gottes Wege unerforschlich“, und da wir alle nur „Werkzeuge seines Willens“ sind, ist auch der Trost für begangene Sünden nicht weit. Priester erteilen Absolution nach erfolgter Beichte – und die Welt ist für den Naiven wieder in Ordnung.
Machterhalt – natürlich dient die Religion dem Machterhalt und, wie wir sehen, ist das Opium auch nicht weit. Es greift ineinander und schwer ist es für den einfach Gebildeten, die Grenzen und Zwecke zu erkennen.
Ist das heute alles – so ganz anders? Ist es nicht, behaupte ich. Unsere Josuas (Moses Nachfolger) heißen Bush oder Obama – sie nehmen auf „völkerrechtlicher Ebene“ sich die Freiheit eines Gottesgnadentums, auf die „Zehn Gebote“ zu verzichten! Man folge nicht mehr „dem König“, sondern kämpfe gegen das „Reich des Bösen“ – das ist der ganze Unterschied zum Mittelalter. Und erklären, was „das Böse“ ist, dieses Recht nehmen sich die heutigen Josuas genauso heraus wie damals im fernen Kanaan! Und es gibt viele „Christen“, die das erklären, die behaupten: „Bomben und Beten, das geht!“
Das sind für mich keine Christen. Gott hat die Gebote für alle Lebenslagen gegeben und die „völkerrechtliche Ebene“ nicht ausgenommen! Echte Christen haben freilich das Recht auf Selbstverteidigung. Wer das als gerechten Krieg bezeichnen will – bitte, das ist nur eine Wortwahl für eine Sache, die nun einmal existiert. Doch am Hindukusch kann ein Christ aus Deutschland nicht von Selbstverteidigung sprechen, ohne von der Religion als Opium beeinflusst zu sein. Religion als Kultur – natürlich, sie hilft, mit seinesgleichen gut miteinander umzugehen. Doch die Religion zu missbrauchen, führt zur Scheinheiligkeit, ob als Machtmittel oder Opium. Das ist nicht im Sinne Abrahams, Moses oder Jesus von Nazareth.