Fragen
stellen...
Ich beklage in unserer heutigen Zeit einen Mangel. Ich habe noch keine Partei oder Bewegung gefunden, die ein entscheidendes Detail unserer Gesellschaft in ihren Blick nimmt: Im Jahr 2004 erhöhten 10% der Bevölkerung Deutschlands, jene 10%, die schon über die Hälfte der deutschen Vermögen verfügen, ihren Reichtum um 12,6%. In den Jahren zuvor und danach war und ist das nicht anders (Angaben aus Gewerkschaftsunterlagen).
Wir können noch so viele Aktivitäten gegen die AGENDA-2010 entwickeln und durchführen – es ist immer nur Abwehr von Verschlechterungen unserer Lebensumstände, es ist die Abwehr einer Tendenz der Verelendung der Arbeitenden, bzw. derer, die auch von der Arbeit ausgegrenzt worden sind. Hinter der AGENDA-2010 und Hartz-IV steckt dieser Plan: Geldumverteilung von arm nach reich. Wir sehen, er wird konsequent umgesetzt.
Was setzen wir dagegen, als Alternative dagegen? Die Antwort auf diese Frage bleiben wir zur Zeit schuldig. Dabei liegt die Antwort auf der Hand. Nur der umgekehrte Weg dient unseren Interessen. Haben wir Angst, das auszusprechen?
Ja, ich glaube, es gibt diese Angst. Wir denken schon selber in diesem Moment nicht weiter – man könnte uns mit dem „Kommunismus“ gleich setzen. Der führte zur Diktatur, zu Stalin, zu Verbrechen – nein, das wollen wir nicht. Und verbauen uns mit einem gefühlten „Entweder-Oder“ die Suche nach einer heutigen Perspektive.
Die sich anfangs des 20. Jahrhunderts Kommunisten nannten, waren guten Willens. Sie setzten auf Enteignung der Ausbeuter, Übernahme der Staatsmacht, Verstaatlichung der Industrie, Gleichheit der Menschen vor dem Gesetz und dem Eigentum. Wir wissen heute: Es hat nicht funktioniert.
Sollen wir nun hinnehmen, was übrig blieb im Wettstreit der Systeme auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs? Sollen wir den Sieger akzeptieren, und uns nur noch gegen „Auswüchse“ zur Wehr setzen, wie es gegenwärtig geschieht? Genügt uns das wirklich? Verzichten wir auf Visionen?
Neulich schrieb mir ein Freund, mit dem ich mich über solche Fragen austausche: „...Die allseits bekannten Debatten wie z.B.
- um die Rechte der Arbeitnehmer – die Rechte der Arbeitgeber
- gegen die Konzerne – für die Konzerne
- gegen das Zinswesen – für das Zinswesen...
...haben allesamt zwei Nachteile:
Nur ganz knapp: Wer gegen die Banken oder gegen die Konzerne antritt, tritt immer gegen viele Kleinaktionäre an... Wer gegen den Zins und Zinseszins wettert, macht sich alle Kleinsparer zum Gegner, obwohl die ganz gewiss nicht die Wirtschaftskrise verursachen, und übersieht die Vermögenskonzentration durch Unternehmenseigentum und Mietobjekte...“
Ich denke, der Mann hat recht. Und der Fehler der Kommunisten zu Anfang des 20. Jahrhunderts erschließt sich daraus. Sie glaubten, ein neues Wirtschaftssystem errichten zu müssen. Dabei sind es die Menschen, die an der Spitze der Institutionen stehen, die Grenzen in ihrem Handeln brauchen – damit nicht grenzenloser Egoismus aus Freiheit Willkür und Faustrecht macht.
Wir sollten beginnen, darüber nachzudenken, wie man aus dem heutigen Faustrecht der Konzerne eine tatsächliche Demokratie schafft. Denn: Wir haben Faustrecht statt Freiheit, getarnt durch Gesetzesdschungel und Kosten eines Rechtsstreits – wer den längeren Atem, mehr Geld hat, gewinnt.
Wir sollten darüber nachdenken, dass Gewinne nicht mehr privatisiert, Verluste aber sozialisiert (dem Staat übertragen) werden. So geschah es mit der deutschen Einheit – die Gewinne den Konzernen, die Kosten blieben beim Staat (aus dessen Finanzierung sich die Konzerne immer mehr zurück ziehen). Ist es heute anders bei der Erweiterung der Europäischen Union?
Wir sollten uns erinnern, dass für die Bundesrepublik Deutschland die Losung galt „Wohlstand für alle“. Es war die Zeit der „Bonner Republik“, die mit der Wende in der DDR und dem Beitritt der „Neuen Länder“ zu Ende ging. Warum spricht niemand mehr von dieser Losung?
Wir sollten anfangen, Fragen zu stellen, unbequeme, auch tabugeladene Fragen.
16.05.05 612 Wörter Klaus Buschendorf
Veröffentlicht in der Internetzeitung www.artikel-eins.com.