3. Milet

 

Es wird sein eine Zeit, da ist alles mit allem verknüpft.

 

Thales stöhnte, als ihn der Ruf des Göttervaters erreichte. Wäre er doch damals bei Kreis und Dreieck geblieben! Sie forderten ihn heraus, seine Freunde und Schüler. „Stelle deine Klugheit doch bei Nützlichem unter Beweis! Rede nicht nur über die vier Elemente, die Sterne und Gott. Mach’ Geld daraus!“ Noch nicht lange war es her, dass man dies erfunden, das Geld. Alle Welt wollte es haben, ganz Ionien schien danach süchtig. Wollte er der Weise bleiben, musste er etwas anfangen können mit diesem Stoff, musste „trendy“ sein. Also fügte er sich.

 

Er beobachtete diese Welt, in der man Geld verdiente und verlor. Nebenbei sah er eine prächtige Olivenernte reifen. Viele Amphoren würden die Bauern brauchen, die Oliven zu ernten und auf dem Markt zu Geld zu machen. Alle arbeiteten in den Plantagen, die Ernte zu mehren, doch an Amphoren dachte keiner. Da ging er zu den Töpfern ohne Arbeit und bestellte Amphoren. Bezahlen würde er nach der Ernte. Diese, froh, ihre Scheiben wieder kreisen zu lassen, gingen auf den Handel ein. Doch Thales ließ auch seine Haussklaven aufmerken. Überall, wo sie Amphoren herum stehen sahen, vergessen, nutzlos, sollten sie ins Haus gebracht werden. Die Rechnung des Weisen ging auf. Gutes Geld ward ihm geboten, als die Bauern ihren Mangel an Amphoren bemerkten. Nun besaß er ein Vermögen. Und er blieb der Weise in den Augen seiner Zeitgenossen, er, der Thales von Milet.

 

„Ich habe dich rufen lassen, damit du beurteilst, was die Menschen aus deinem Markt gemacht“, sprach Zeus im Olymp zu ihm. – „Ich machte den Markt nicht, der ergab sich aus den verschiedenen Werkzeugen und Geld.“ – „Aber du warst der erste Spekulant und schufst, was die Menschen heute Börse nennen. Ich sorge mich. Schau nach, du kannst das am besten. Geh!“

 

Wäre ich doch nur bei meinen Kreisen geblieben! Auch ein Späterer seiner Zunft hatte von Ökonomie im vertrauten Kreis nur von „der großen Scheiße“ gesprochen. Wie gut verstand er ihn. Aber es ging nichts Praktisches ohne schmutzige Hände. Also sah er, was man heute handelte. Und staunte. Wie viele Geldprodukte gab es jetzt auf diesem Markt, die Genussscheine, Optionsgeschäfte und andere, hinter denen keine wirtschaftliche Wahrheit stand. Eigentlich waren das nur die verschiedensten Wetten auf steigende oder fallende Kurse von anderen Dingen, die auch nicht viel näher an den greifbaren Dingen der Wirtschaft standen, den Werkzeugen und Betrieben. Das nannte sich Börse, das Ganze wurde als Marktwirtschaft bezeichnet – und man dürfe um Gottes willen nicht eingreifen in den freien Markt, der richte alles von selbst am besten. War nicht gerade ein System gescheitert, dass den Markt ablehnte?

 

Oh, ihr Kurzsichtigen, wollte Thales ausrufen. Nicht deshalb waren diese Leute gescheitert, weil sie dem Markt Zügel anlegten! Über den Tagesaufgaben verloren sie ihre Vision. Es ging ihnen nicht schnell genug. So verschleuderten sie vorzeitig die Früchte ihrer Arbeit, bevor diese Arbeit kraftvoll wirken konnte. Und jene anderen fühlten sich als Sieger, die nichts zu lernen hätten von Besiegten. Sie sahen nicht, dass ihnen der Sieg nur durch die Kurzsichtigkeit ihrer Feinde, nicht durch eigene Leistung zugefallen war. So schlug das Pendel wieder aus zugunsten des Marktes und seiner Regularien. Die Menschen waren blind, um zu sehen, wie „Hedges-Fonds“, obwohl nur fiktive Geldströme, ganze Volkswirtschaften kleiner Länder, „kleiner Tiger“, in Grund und Boden schlugen. Der „Markt“ hatte gerichtet, die kleinen Leute zahlten. Aber Thales sah auch, wie sich Volkswirtschaften zusammen schlossen zu einer Währung, fiktives Geld auszutrocknen. Diese Menschen, so glaubte er zu folgern, würden es allmählich doch lernen, den Markt zu zähmen, damit er bald nicht mehr auf Kosten der Schwächsten „alles richten“ werde. Wirklich?

 

Er erinnerte sich seiner Erfahrung in Milet, als er sein Vermögen gemacht. – „Na und, wir haben es doch schon immer gewusst: Du bist hinter dem Mammon her, den Idealisten hast du nur gespielt.“ – Da hat Thales im nächsten Jahr sein Vermögen verschleudert. – „... bist doch zu dusselig für das praktische Leben ...“ – Der Weise kann es dem Kurzsichtigen nicht recht machen. Der Kurzsichtige versteht ihn nicht.

 

„Tja“, antwortete Zeus, den sein menschlicher Dienstgrad immer belustigte. „Das ist dir damals schon passiert. Den heutigen Weisen geht es nicht anders. Dennoch – ein klein wenig scheinen die Menschen schon gelernt zu haben.“

 

Aber nicht viel, sagte Thales ganz für sich. Ist doch schon einmal da gewesen, nur eben – ein kleines bisschen anders.

 

Dezember 2002