11. Das Labyrinth

 

Es wird sein eine Zeit, da ist alles mit allem verknüpft.

 

Dies war sein Tag gewesen. Lange arbeitete er schon in dieser Funktion. Jetzt war er offiziell ernannt und eingeführt: Leiter Europa des Weltkonzerns. Wie viele Studienjahre, Praktika und Lehrgänge gingen dem voraus, natürlich die meisten in „den Staaten“. Nach Reden, Sekt und Abschlussparty jetzt ein Griff zum Buch. Harry Potter hatte ihm da sein Sohn auf den Nachttisch gelegt, der Scherzvogel. Warum nicht drei Seiten Märchen lesen nach einem märchenhaften Tag? Bald flimmerten die Buchstaben märchenhaft vor seinen Augen ...

 

Die Männer vor ihm sahen aus wie Richter, und sie fragten ihn auch so. Wie unter Zwang gab er ihnen Auskunft, was sie doch gar nichts anging. – „Wir fassen zusammen: Sie schätzen ihr Einkommen auf das Hundertfache eines durchschnittlichen Mitarbeiters ihrer Firma. Sie besitzen ein Landhaus in der Lüneburger Heide, eine Finca in Mallorca, eine Südstaaten-Ranch in Florida, eine Yacht in Kiel. Ihr Privat-Jet ist jetzt in Berlin, wo Sie ihre Hauptwohnung am Firmensitz haben.“ Dann ergingen sich die Herren in Zahlen. Er verstand, sie untersuchten seinen privaten Besitz, als seien es Investitionen einer Firma, Nutzungsdauer, Auslastungsgrad, Rentabilität für den geplanten Zweck – aber das ist doch nicht vergleichbar! Natürlich ist das zu 90 % ungenutzt. Aber schließlich müsse er doch repräsentieren, sei es der Firma, seinem gesellschaftlichem Rang und sich selber schuldig. – „Wir sind nicht gehalten, ihre Normen anzuwenden“, wies man seine Einwände zurück.

 

Dann befragte der Vorsitzende andere Leute im Saal, wie sie ihre Einkünfte verwendeten. Ein Jacob Fugger berichtete über seine „Fuggerstadt“ in Augsburg. Eine Barbara Utmann erzählte, wie sie Manufakturen und Verlage gründete, in denen die nach dem Ende des Silberbergbaus im Erzgebirge beschäftigungslos gewordenen sächsischen Bergknappen sich Brot im Posamentengewerbe verdienten. Carl Zeiss und Ernst Abbe sprachen davon, wie sie besonders auf die Ausbildung ihrer Arbeiter achteten. Viele im Saal traten so auf. Doch die meisten verwiesen wie er selbst nur auf Dinge für den „repräsentativen Bedarf“, wie es der Richter wegwerfend bezeichnete. Einer musste mehr erzählen. Als Beruf hatte er „Pharao“ angegeben.

 

Bei seiner Thronbesteigung führten ihn die Priester durch das Labyrinth des alten Ägyptens und zeigten ihn den ungeheuren Goldschatz des Reiches. Der Pharao fragte, was die Priester tun, wenn der Nil steige, sein Wasser ist nicht weit weg. Sie wussten zu antworten. Was ist zu tun, wenn der Feind sich nähert? Sie wussten die Antwort. Was tut ihr, wenn der Pharao den Schatz braucht? Die Priester sahen verständnislos: Das sei noch nicht vorgekommen. Das gehe auch gar nicht. – Einer dachte heimlich: Wenn der Schatz nicht mehr da ist, wer brauche sie dann noch? – Der Pharao ahnte: Er hat es mit Fanatikern zu tun. Aufrütteln musste er sie. Er hielt ihnen vor: „Priester, sechs Jahre Missernten in Ägypten. Mein Heer ist jämmerlich, meine Bauern sind es auch. Ich will einen Sonntag einführen, damit meine Bauern sich erholen können. Mein Heer braucht Geld für Waffen, um den Feind zu schlagen.“ – Die Priester mochten ihn wohl gar nicht verstehen. „Wir bewahren den Schatz, für jeden Herrscher.“ – Der Pharao steigerte sich in Erregung. „Aber ein solcher Schatz kann doch nicht nutzlos liegen“, fuhr er sie an. – Die Priester schwiegen. – Er hat sie immer bewundert, die Priester, die politische Klasse seines Landes. Wie klug sie waren, wie sie mit den Menschen sprachen, sie für sich einnahmen. Doch ihr Denken hob ab von diesem Land, von den Problemen seiner Menschen. Er begriff: Sie wussten, dass man sie eigentlich nicht wirklich brauchte. Jeder Fellache konnte an ihre Stelle treten. Das fürchteten sie: den Verlust ihrer Pfründe. Darum sprachen sie immer orakelhaft. Deshalb waren ihre Gesetze so verworren. Sie setzten Bürokratie als Wall gegen die einfache, klare Logik des gesunden Menschenverstandes. – Der Pharao schaute den Priester an, der ihn führte. Der schien seine Gedanken zu lesen. – Beim Verlassen des Labyrinths erlitt der Pharao einen Unfall. Die Priester machten eine wunderschöne Mumie aus ihm, die Trauerfeier war prächtig, seine Pyramide eine der größten. Doch Ägypten erhielt seinen Sonntag. Der nächste Pharao stellte es schlauer an.

 

Der Pharao verschwand. Alle anderen verschwanden auf geheimnisvolle Weise. Plötzlich stand er, der neu ernannte Leiter Europa des Weltkonzerns, allein vor dem Tribunal, dass er als solches endlich begriff. Der Vorsitzende sprach: „Ihr Urteil: Völliger geschäftlicher Misserfolg ihrer Firma im Laufe der nächsten Jahre. Begründung: fehlendes Geld der kleinen Leute für den Kreislauf des Kapitals durch Vergeudung für repräsentative Zwecke der leitenden Manager. Vollzug: Mangelnde Kaufkraft ihrer Kunden lässt die Gewinne stürzen und schließlich Verluste einfahren.“ – Er schluckte. „Was soll ich tun?“ – „Sie können nichts mehr tun. Dies ist das Jüngste Gericht für Unternehmer. Ihre Chance ist vertan. Sie können gehen.“ – „Ich bin – frei?“ – „Natürlich. Nach den Gesetzen ihres sogenannten Rechtsstaates begingen sie kein Verbrechen. Dies ist kein Menschengericht.“ Der Richter sprach weiter – wie im Nebel. Wie im Nebel lag jetzt auch dieser Saal, die Geschworenen vor ihm. Und er begriff den Traum, riss sich heraus und wachte schweißgebadet auf.

 

Verdammtes Märchenbuch, bringt alles durcheinander! Groß und deutlich sah er vor sich das Labyrinth mit dem Goldschatz, die Bauern Ägyptens, die Priester, den ersten und den zweiten Pharao. Wo stehe ich?

 

Es ist alles schon einmal da gewesen – nur ein kleines bisschen anders. Muss das so bleiben?

 

Januar 2002