Wismutschatten

 

Gustl – ich komme!

 

Inmitten von Kumpeln saß Gerhard im holpernden Sattelauflieger. Ein Wismutbus war ein seltsames Gefährt. Im Krieg hatte er als Laster Munition transportiert. Jetzt saßen Wismutkumpel auf vier längs eingebauten Holzbänken. Sackte eine Seite in die Fahrrille, wurden die Kumpel auf ihre gegenübersitzenden Kameraden geworfen. Diese grünen, verbeulten Blechautos kamen immer und fast pünktlich an. Mehr verlangte niemand in dieser wilden Zeit.

 

Gerhard freute sich, von Freiberg nach Annaberg durchfahren zu können. Der Bus fuhr viele Schächte an, die Kumpel dorthin zu karren – dennoch wird er eher als mit dem Bummelzug zu Hause sein. Eine Nacht später zu Gustl – nein, lieber vom Bus durchschütteln lassen.

 

Ein Schlagloch, Gerhard stand unfreiwillig auf und stemmte abwehrend die Hände auf die Schultern seines Gegenüber. – „Na, na, du junger Eleve! Willst du einen alten Hauer küssen?“ – Gerhard saß wieder. „Nee! Dafür kenne ich jemand anderes!“ – Die Kumpel schmunzelten. „Lernst’ Markscheider?“, fragte einer. – Gerhard nickte. – „Mach’ste richtig. Die Wismut ist die einzige Stelle in der ganzen Zone, wo du Geld verdienst. Brauchst nicht bohren und machst dir die Lunge zur Sau. Sie wollen jetzt, dass wir nass bohren. Bei euch auch?“

 

„Hab neulich meinen Steiger aus dem Streb gedrückt“, hörte Gerhard. „Der redet mir nie wieder rein.“ – „Mir soll auch keiner mehr was sagen. In diesem verdammten Krieg hätte ich zehnmal sterben können. Ich mache mit meinem Leben, was ich will. Basta!“ – „Wir holen ihnen das Atom aus der Erde. Kann ihnen egal sein, wie wir das machen.“ – „Damit sie die Bombe bauen können.“ – „Ach, die Bombe. Der Krieg ist die Mutter aller Erfindungen. Das war und bleibt so. Aber das Atom ist doch nicht nur Bombe. Der junge Kerl hier wird sehen: In den achtziger Jahren gibt es Atomkraftwerke, brauchen wir keine Steinkohle mehr. Atomloks schleppen auf breiten Schienen riesenlange Züge. Vielleicht fliegen auch Flugzeuge damit. Und wir können sagen: Wir waren die Pioniere! Wie die im Wilden Westen!“ – „Komm runter, Kumpel! Erst drückst du deinen Steiger aus dem Streb, jetzt willst du Vorkämpfer der Menschheit sein. Sauf einen, ist reeller!“ Blick durchs Fenster. „Wir sind da. Saufen erst nach der Schicht! Glückauf!“

 

Der Bus hielt. Alle Kumpel rückten durch und kletterten die beiden Holztreppen an der Rückseite herunter. Andere Kumpel keilten Gerhard wieder ein.

 

Auf dem Annaberger Marktplatz holte ihn der Busfahrer in die Kabine. An der Haldenstraße entließ er ihn, bog ab zum „Russenviertel“. Das war allen Leuten ein Dorn im Auge. Mit Postenhäuschen und grünem, hölzernen Straßentor versperrte es den Weg zum Bahnhof. Von den Annabergern, die dort ausziehen mussten, redete niemand mehr.

 

Die letzten Meter in der warmen Kabine des Fahrers ließen Gerhard die Herbstkälte doppelt spüren. Es roch nach Schnee. Hier kam der Winter früh. Im Sommer gab es warme Tage, aber spätestens abends gegen fünf kühlte es ab. Trotzdem – wenn er die fernen Bergketten sah, die vielen Blauschattierungen der Fichtenwälder, wie sie ins Grün wechselten je nach Sonneneinfall und Wolkenstand – das war schön, kannte er nicht aus der Leipziger Tieflandsbucht. Schön war es auch, durch den Pöhlbergwald zu gehen, an den Felsen der „Butterfässer“ vorbei, den zerzausten Vogelbeerbäumen, die sich nie entschieden: Busch bleiben oder zum Baum wachsen? Gerhard fühlte sich heimisch werden in dieser groben Kumpelgemeinschaft, die schuftete und soff, wo Glücksritter unter Tage ihr Leben riskierten, und auf dem Arschleder Erzrutschen hinunter schlitterten, nur um schneller an den Fahrkorb zu kommen. Er begann, das Erzgebirge zu lieben, das seit Jahrhunderten nach Wald und Bergbau roch. Es stimmte die Menschen freundlich, selbst die rauen Wismutkumpel.

 

Und da war noch Gustl. Sie werden abends Boogie-Woogie tanzen, er wird sie heimbringen durch den Wald zu einem der kleinen, schiefergedeckten Häuser in der Pöhlbergsiedlung. Nur Mutter musste er noch überwinden. Das wird ein hartes Stück Arbeit werden.

 

Gerhard stieg die Treppen hoch zur Bodenkammer. Bald wird Mutter zetern – wenn er sagt, er geht zu Gustl. Er räumte die Kluft in den Spind und nahm ein gutes Hemd heraus.

 

Sie ist zu dumm für dich. – Ja, sie hat nur die sechste Klasse, wie so viele Flüchtlingskinder.

 

Sie ist liederlich, zieht sich liederlich an. – Die Mode ist so. Du willst es nur nicht sehen.

 

Sie hat dich bestohlen. – Ich sagte ihr: Nimm meine Brieftasche und bezahle die Torte. Warum, Mutter, willst du mir nicht glauben?

 

Gerhard rückte den Schlips gerade, betrachtete sein Spiegelbild und fand sich passabel. Er sah sich prüfend um. Ein Bett, ein Nachttisch, ein Kleiderschrank, für einen Stuhl reichte der Platz nicht mehr. Decken verhüllten die Latten der Trennwand – eine Eishöhle im Winter, eine Sonnenhölle im Sommer. Schlimm, wenn er hier tags schlafen sollte, weil seine Schicht es so verlangte. Nichts lag herum. Er warf die leichte Tür zu, dass die Lattenroste federten, und stieg die knarrenden Holzstufen herab.

 

Als er die Wohnungstür schloss, trat Mutter aus der Küche. „Willst du zu Gustl?“ – Gerhard nickte. – „Ja, geh nur. Vater kann heute niemand brauchen.“ – Nanu? „Ist was passiert? Ein Unglück?“ – „Nein. Sie haben ihn rausgeschmissen. Fristlos gekündigt.“ Mutter lehnte am Türrahmen, sah zu Boden und atmete schwer. – „Aber warum? Vater war doch gut!“

 

Sie nahm ein Taschentuch und tupfte Tränen aus dem Gesicht. „Neue Leute sind in der Wismutleitung. Sie ist nicht mehr rein russisch, heißt jetzt Sowjetisch-Deutsche-Aktien-Gesellschaft. Die neuen, deutschen Herren wollen keine unzuverlässigen Leute, sagen sie. Alle Nazis müssen gehen.“

 

Vater und Nazi – ein Witz, wäre es nicht so traurig! Als Nazi holten ihn Russen zur Wismut. Überraschend wurde er mit Leib und Seele Bergmann. Als Nazi muss er bei Deutschen wieder gehen. Den Menschen hinter dem Papier schauen sie sich nicht an. Sie haben die Macht! Oh, wenn sie was von ihm wollen, sie sollen ihn kennen lernen, ihn, den Gerhard! So mit Vater umzuspringen!

 

„Was wird nun, Mutter?“ – Zum ersten Mal sah Gerhard Mutter hilflos. Dünn stand sie vor ihm, schwach, die grauen Augen stumpf. – „Was soll werden? Wir müssen uns Arbeit suchen. Aber viele sind entlassen worden. Was gibt es hier anderes als Wismut? Wir konnten Geld sparen. Doch wie lange muss es reichen?“ – Plötzlich straffte sie sich. „Ich will nicht klagen. Wir waren krank, wir haben gehungert. Jetzt sind wir gesund, sind satt, wir schaffen das. Sag Guten Tag. Dann lass Vater! Wasch dich, ehe du gehst. Komm nicht zu spät!“

 

So kannte er Mutter. Ein dünnes Blatt, gebeutelt vom Wind, hielt sie fest am schwankenden Ast, fing sich und saß wieder als Glucke auf ihrer Brut: „... wasch dich, komm nicht zu spät ...“ Beinahe hätte er protestiert, dass er schon lange volljährig sei.

 

Er trat in die Küche, sah Vater auf dem Sofa. Mit angewinkelten Beinen lag der kleine Mann seitlich, die Augen zur Wand gekehrt, ein leichtes Schluchzen schüttelte ihn. Er wendete den Kopf. Gerhard sah in rote, trockene Augen. „Vater, du bist doch nicht schuld! Warst immer ein guter Steiger. Selbst in Freiberg kennt man dich.“ – „Was nützt es? Russen haben mich geholt. Deutsche schmeißen mich raus.“ Er sah seinen großen Sohn an, den Ilse in die Ehe brachte. Stolz regte sich in ihm, ließ ihn den Augenblick vergessen. „Du hast dich fein gemacht. Geh, lass dir nicht den Spaß verderben.“

 

Gerhard beugte sich herab, drückte seinen Kopf ganz eng an Vaters Wange, umarmte ihn. – „Ist gut, Gerhard. Viel Spaß! Nun geh schon!“

 

Im Flur stürzte Bernd auf ihn zu. „Gerhard, ich soll im Schlafzimmer bleiben, bis es Vati besser geht. Aber ich muss dir doch Guten Tag sagen!“ – „Darfst du, Kleiner, darfst du.“ – „Sag mal, du hast einen Fußball gegen eine Mandoline getauscht, stimmt das?“ – Oh, Gott! Die Sorgen eines Elfjährigen! „Ja.“ – „Wie kannst du einen Fußball weggeben, einen Fußball?“ – „Später. Jetzt muss ich mich waschen. Lass die Eltern in Ruhe.“ – „Ja, schlimm mit Vati und dem Schacht. Aber Vati macht das schon.“ – „Sicher. Wir haben starke Eltern, nicht wahr?“

 

Bernd ging zurück in die Schlafstube. Er kramte in alten Kartons und fand seine alte Holzlokomotive. Mit ihren Rädern drückte er früher Schienen in den Erdboden, fuhr auf ihnen entlang, rangierte, pfiff und kuppelte die Hänger an. Das ging hier nicht. Seiner Würde war nicht angemessen, was er tat. Beschäftigen soll er sich, sagte Mutti. Ein Lokführer muss auch eine alte Lok fahren. Lokführer ist er eines Tages ganz bestimmt. Oder lieber Staatspräsident? Der Wilhelm Pieck lief durchs Kinderferienlager und schüttelte Hände. Die Großen drängelten sich alle vor. So umjubelt – da wäre er gern Staatspräsident! Der Wilhelm Pieck ist ein freundlicher Opa. Bernd hätte gern einen Opa. Der müsste sein wie Wilhelm Pieck. Also wird er Staatspräsident. Beschlossen. Oder doch lieber Lokführer? Ach was, er hat ja noch Zeit.       

 

Gerhard verließ das Haus. Kalter Wind ließ ihn frösteln, er bedauerte seine Größe. Sie half ihm viel. „Hat Schlag bei den Weibern“, sprachen neidisch die Kumpel. Sie sahen nicht, er tat auch etwas dafür, wusch sich nach der Schicht gründlicher, verschmähte die Hilfsmittel der Frisöre nicht. Bei Gustl verfing das. Seine Kumpel gaben sich stolz, rau, „Kerle“ zu sein. Doch er gewann sich Gustl, die alle begehrten.

 

Endlich stand er vor ihrem Gartentor. Ein wenig aufgeregt drückte er die Klingel.

 

In der Tür erschien ein schlankes Mädchen. Freudig wieselte sie die Stufen herunter. Stolz betrachtete er ihre blonden Locken, sah in ihre blauen Augen über einer kleinen Nase zwischen starken Wangenknochen. Sie hatte ihm erklärt: Von der Nase nach oben bin ich Schwedin, nach unten Polin oder Russin, geredet habe ich immer Deutsch, gelebt im Memelland, geboren als Litauerin, wir sprachen von uns als Balten. Aber wer kennt hier Balten? Hitler holte uns „heim ins Reich“, und Ende vierundvierzig flüchtete Mutter im Treck. Die zwei Alten nahmen uns auf. Mutter starb im Hungerwinter siebenundvierzig, mein Vater ist vermisst. Die beiden Alten behandeln mich wie ihre Tochter. Ich habe es gut getroffen.

 

Ganz schnell ging das Gerhard durch den Kopf, während sie in einem warmen Baumwollkleid zu ihm lief. Sie umarmte und küsste ihn. Ihm blieb die Luft weg. „Dass du schon da bist! Komm rein!“

 

Die beiden Alten saßen auf einem Schwatz beim Nachbarn. Gustl zog sich um. Er saß allein auf der Ofenbank in der „guten Stube“ und erinnerte sich.

 

In diesem Wohnzimmer haben sich die Alten und seine Eltern beschnuppert, da es doch zwischen ihnen „’was Festes“ schien. Mutters missbilligende Blicke glitten über die vielen bestickten und mit Spitzen geklöppelten Kissen, auf die geschnitzten Bergleute, Lichterengel, die fünfstöckige „Peremett“, wie die Einheimischen die Weihnachtspyramide nannten, die hier immer zur Wohnung gehört. – Diese „Erzgebirgstümelei“ gefiel ihr nicht. – Sein Vater fühlte sich wohl. Die Männer sprachen über den Schacht. – Gerhard lenkte, dass seine Eltern zum Kaffee blieben. Heimlich schickte er den Nachbarsjungen zum Bäcker, half in der Küche, der künftigen Schwiegermutter zu gefallen. Gustls Blicke kündeten, dass seine Eltern angenommen seien. Er selber war sich seines Teiles nicht sicher.

 

Auf dem Heimweg nörgelte Mutter. Das Mädchen könne gar nicht ordentlich sein, kein Stil, überall Unordnung. Das Schlimmste: Gustl beklaut ihn. Das entschuldigt Gerhard auch noch. Sie hat aber gesehen, wie Gustl die Brieftasche aus seiner Jacke nahm. Sind die beiden Alten auch nett, sie strebe Besseres an. Bei ihren Versicherungsgängen hat sie genug gesehen. Gerhard wird hier nie das richtige Mädchen finden.

 

Vater versuchte zu vermitteln. Hier im Gebirge leben die Leute nach anderen Regeln, das müsse sie doch verstehen. – Er kam schlecht an. – Ordnung sei ein Allgemeinprinzip. Außer bei Obersteigers fand sie hier nirgends Ordnung. Aber Obersteigers sind Schlesier. Lieber heute als morgen wolle sie zurück nach Leipzig. Dieses kalte Nest!

 

Es gab keine Gegeneinladung, aber Mutters ständiges Nörgeln. Mutter war immer zielstrebig und ausdauernd. Er bewunderte das – früher. Jetzt musste er es erleiden.

 

Gustl trat ins Wohnzimmer. „Gefalle ich dir?“ Sie drehte sich vor ihm. Ein roter Rock schwang über den Hüften. Im breiten Gummigürtel mit silberner Schnalle steckte eine kurzärmelige Bluse mit spitzem Ausschnitt. Am hohen Hals keinen Schmuck, warum auch? Ihre strahlenden Augen waren Blickfang genug.

 

Er war stolz. Da flogen blonde Locken, ihre Augen glitzerten ihn an über einer schmalen Taille und rot schimmernden Hüften – Herz, was willst du mehr?

 

Gustl warf sich ihren Mantel über und legte eine Nachricht auf den Tisch. Sie liefen zur Pöhlbergstraße und oberhalb der Traversen des Sportplatzes zur Festhalle.

 

Gerhard erzählte, dass sie Vater entlassen haben, einfach so und fristlos. Er sprach von seinem Vorsatz, diesen neuen Leuten zu zeigen, dass man sich nicht alles gefallen ließe, er wisse nur nicht, wie. – Das bringt doch nichts, meinte Gustl. Er könne die höchstens ärgern und riskiere dafür seinen Markscheider. Wir sind zu klein, etwas zu bewegen. – Man muss sich aber wehren gegen Unrecht. – Einige aus ihrem Dorf im Memelland glaubten auch, sie müssten sich wehren gegen die Russen. Mutter wehrte sich nicht. Sie sprach freundlich mit Deutschen, sprach freundlich mit Russen und kam heil hier an. Die Stolzen, Tapferen sind lange tot. – Was wollen sie mir schon? Schlimmstenfalls schmeißen sie mich raus. Na und, ich habe einen Beruf! Die Schwestern meiner Mutter haben mir aus Leipzig geschrieben: Musikalienhändler werden wieder gesucht. Du kommst natürlich mit. Leipzig wird dir gefallen. – Sie lasse nicht einfach so über sich bestimmen! – Ist doch nur Spielerei, beschwichtigte Gerhard. Er wollte doch sagen, dass ohne sie gar nichts mehr geht! –„Wirklich?“ – „Wirklich!“ – Gustl blieb stehen. „Du gehst nicht weg?“ – „Ich liebe dich doch!“ Er sah ihren zweifelnden Blick, küsste ihren harten Mund, küsste ihn weich. „Übrigens hatte diese schlimme Sache etwas Gutes. Meine Mutter sagte: Geh zu Gustl, geh!“ – „Vielleicht ein Anfang. Also versündige dich nicht!“

 

Gustl knickte mit dem Fuß aus dem Tanzschuh, ein Kiesel sprang scheppernd vom Fußweg. Gerhard fing sie auf. Das kleine Malheur ließ sie nach hinten sehen. Eine gelbe Sonne berührte blaue Waldkämme. Aneinandergelehnt betrachteten sie den Farben mischenden Ball, erfreuten sich seines Spiels auf der Palette der fernen Bergwälder. Aus Grün und Blau der Wälder und Gelb der Sonnenscheibe schuf er Nuancen, blitzte mit goldenen Strahlen dazwischen, weitete im Niedersinken die flüssige Mischung des Horizonts. Es geschah so weit weg, und sie sahen es so klar. Die schwarzen Waldkanten rückten sacht der Mitte zu, sogen vom sinkenden, schwächer leuchtenden Ball den letzten hellen Tupfen auf. Ein letztes Glitzern verschwand zwischen schwarzen Kanten.

 

„Das war es, du romantische Seele.“ – „Nur im Gebirge siehst du so einen Sonnenuntergang, in deinem Leipzig nie.“ – „Aber ich will doch gar nicht nach Leipzig. Sei wieder lieb!“ – „Na gut. Weil du es bist.“ – Sie fassten sich an den Händen und schwangen die Arme.

 

In der Festhalle stiegen sie auf die Empore. In jener, ach, so wilden Zeit, spielte eine Kapelle drei Tänze, dann trank sie Bier. Die Burschen brachten ihre Mädchen zurück und verbeugten sich. Schüchterne tranken sich an der Theke Mut an. War der Mut groß genug, ging man über den Saal und sagte: „Darf ich bitten?“ Den ersten Tanz schlug ein Mädchen niemals ab.

 

* * *

 

Bis zur Pause konnte jeder auf diese Regeln bauen. Erste Flirts führten vor die Tür, um „Luft zu schnappen“ – Luft war aber das Letzte, woran man dachte. Es gab auch „ganze Kerle“, die mit ihrer neuen Eroberung im nahen Buschwerk „ganze Arbeit“ leisten wollten. Ohrfeigen zeigten Grenzen. Die Mädchen hielten nicht hinter dem Berg, wie ihr Kavalier gewesen – draußen, vor der Tür. Schwieg eine drüber – war es ernster. Man fragte nicht und sah sich den Burschen an, der sein Mädchen öfter holte, schließlich mit ihr verschwand. Sie, auch er, waren jetzt „in festen Händen“. Das respektierte jeder.

 

Nach der Pause spielte die Kapelle andere Lieder. War bisher auch „Dr Vuggelbeerbaam“ zu hören, tönten nun Tango, Swing und Foxtrott durch den Saal und zur „Damenwahl“ Langsamer Walzer – der Mädchen Chance. Zwei, drei Runden blieb Zeit, alles in „Sack und Tüten“ zu bringen. Synkopen schmetterten durch den Saal, Boogie war angesagt, von oben erhitzt, wurde unten geschwitzt, verrenkt, der Saal durchmessen und manches Mädchen hochgewirbelt. Alle wollten mitsingen, sich ausleben nach einer Woche Schicht beim Schein der Grubenlampen und dem Rattern der Bohrmeißel. Viele Lieder färbte jeder Saal für sich. Gustl und Gerhard sangen mit wie fast der ganze Saal:

Tschio, tschio, tschio, tschooo!

Käse gibt’s in der HaOooo.

Stunden lang kannste steeehn,

aber Käse, Käse gibt es keeen!

 

So leitete die Kapelle die zweite Pause ein. Danach spielten sie auch englische, französische und italienische Schlager. Man schaute in die Augen der Partnerin oder soff sich den Rachen voll, um zu vergessen, hielt zärtlich Händchen wie Gustl und Gerhard – Musik blieb Hintergrund, oft auch für handfesten Streit wegen „Beleidigung“, oder „weil der meine Braut befummelt“. Irgendeiner ging schnell dazwischen – den Wirt, gar Polizei rief keiner. Verletzungen – Fehlanzeige, ein blaues Auge zählte nicht. Ungeschriebene Regeln galten – gefährlich war das nie.

 

Vor Ewigkeiten hatte an den langen Tischen Gerhard die Gustl entdeckt. Nach der ersten Pause tanzte er nur noch mit ihr. In der zweiten duldete sie seine Lippen an ihrer Wange, gestattete ihm, sie heimzubringen durch den Pöhlbergwald. Am Gartentor küsste sie ihn flink auf die Wange und brachte schnell die Tür zwischen ihn und sich, bevor er begriff.

 

Am nächsten Tag, kurz vor Ladenschluss, hat Gustl Butter umgepreist. Zwanzig Mark kostete das Stück, als sie hier anfing. Jetzt drückte sie fünf Mark in die Halterung. Da hörte sie hinter einem Pfeiler leise einen Schlager summen. Gerhard lachte sie an. – „Hab Frühschicht, da kann ich nach dir sehen.“ – Sie freute sich. – Er brachte sie heim vom Marktplatz, an der Sankt-Annen-Kirche vorbei, vorüber an Festhalle und Sportplatz bis zur Pöhlbergsiedlung, ein langer Weg und immer bergauf. – „Wird ein weiter Heimweg für dich.“ – Er lachte. „Für dich tu ich alles.“ – „Na na! Sei froh, dass ich nicht beim Konsum arbeite.“ – „Warum?“ – „Die müssen noch eine halbe Stunde Marken kleben.“ – „Würde ich auch noch opfern.“

 

Er kam jeden Tag. – Aber zur Festhalle wollte sie nicht mit ihm gehen. Sie sei da, er mag gern kommen. – Drei Mal hat er werben müssen. Einmal blieb sie nach der zweiten Pause verschwunden, und er wusste, dass sich ein Anderer um sie bemühte. Eifersucht wühlte in ihm, trotzdem kam er wieder. Da hat sie nur noch mit ihm getanzt, flüsterte: Prüfungen bestanden!

 

* * *

 

Sie traten aus der Saaltür. Im Schlaglicht des Eingangs hielten Pärchen Händchen. An der Grenze des Lichts knutschten Paare ungeniert. Im Saal war das verpönt, weit draußen gehörte es dazu. In den Büschen verbarg sich manches. Heimwärts trieb es sie. Blitzende Sterne sahen sie über ihren Köpfen vor klarem, schwarzen Himmel.

 

Sie liefen durch den Pöhlbergwald und traten auf den moosbewachsenen Waldpfad. Vorsichtig bog Gustl Zweige beiseite, schlüpfte hindurch, dann fanden sie sich auf ihrem Moosbett. Hier hat Gustl dem Gerhard gezeigt, was Frau und Mann unterscheidet, wie sie sich Freude geben können.

 

Sie war eine gute Lehrerin – und er ihr guter Schüler. Bald gab es nichts mehr zu lehren.

 

Später ging Gerhard allein den weiten Weg zur Haldenstraße und schlief gut in seiner Kammer. Am Morgen gab ihm Mutter einen Brief: Er soll am Montag um zehn auf der „Malwine“ sein.

* * *

 

Zeitig verließ er das Haus, umging das „Russenviertel“, lief über den Markt hinunter ins Tal der Sehma, querte die Brücke und bog am Frohnauer Hammer in die Dorfstraße. Sie wand sich krumm und steil zwischen geduckten Schieferhäuschen. Bleiern hing der Himmel, die Sonne saugte Himmelsgrau. Schwer wurde ihm der Anstieg zum Huthaus auf dem Schreckenberg. Dies war „sein“ Schacht, der Schacht seines Vaters und auch des Obersteigers, die „Malwine“.

 

Was werden sie von ihm wollen?

 

Der Personalchef zerdrückte fast Gerhards Hand in seiner Rechten. Für diesen Händedruck war er bekannt. Der vierschrötige Kerl hatte widerwillig vom Presslufthammer hinter den Schreibtisch gewechselt, „Parteiauftrag“ munkelten seine alten Kumpel. Der klotzige Mann kramte nach Gerhards Akte.

 

An der Wand gegenüber entdeckte Gerhard ein einfaches Pappauto, an die Schichtaufstellung gesteckt. Da wurde ihm klar: Vater war hier noch lebendig.

 

Ein Schnellhefter klatschte auf die Tischplatte. „So, nun wollen wir im Papierkram Ordnung schaffen.“ Er erläuterte, nun gehe die Besatzungszeit zu Ende, die Republik baue die neue, die antifaschistisch-demokratische Ordnung auf und werde sich von einigen befreien. Dazu gehöre seine Wismutverpflichtung. – Er legte ein Blatt vor ihn hin. „Siehst du?“ Er las vor: „Begründung: Bergbautauglich. Rechts eine Unterschrift und Stempel. Du selber bist nur Verpflichteter. Das wird anders. Hier ist dein Arbeitsvertrag. So heißt das ab heute. Wir werden beide gleichberechtigt unterschreiben“. Er zeigte die Stellen für die Unterschriften.

 

Gerhard überflog den Text. Formalkram, es ändert nichts. Aber – ein Haken grub sich in sein Gehirn – sie wollten etwas von ihm!

 

Der alte Hauer, Kommunist seit Mitte der zwanziger Jahre, schaute auf den jungen Spund vor sich. Der da wird einmal zur Bergbauelite gehören. Ein fein geschnittenes Gesicht, ein Kopfarbeiter, seine Hände taugten nicht für den Bohrhammer. Binnen Minuten hat er ihn damals für die Bergakademie ausgewählt, hörte ihn reden, dachte sofort: ein Intelligenzler, kein Fördermann. Ungern hatte er selber den Platz des Personalchefs eingenommen, wäre viel lieber Hauer geblieben. Nun wählte er Menschen aus, die einmal seinen Staat bauen und führen sollten. Tätig konnte er sein für eine Zukunft, an die er fast nicht mehr geglaubt hat. Hier konnte er mehr für seine Ideale tun, als im Streb vor Ort. Das ging ihm durch den Kopf, während Gerhard sich nicht rührte. „Nu, was ist? So lange hast du nicht gebraucht, um Ja zur Bergakademie zu sagen!“

 

Gerhard straffte sich. „Ich unterschreibe, wenn die Kündigung meines Vaters rückgängig gemacht wird.“ – „Was soll das? Dein Vater? Ich kenne deinen Namen nur einmal.“ – „Meine Mutter hat mich in die Ehe gebracht. Ist trotzdem mein Vater. Der dort ist es.“ Gerhard wies auf das kleine Pappauto.

 

Der Personalchef drehte sich. „Das Auto? Dein Vater?“ – Gerhard nickte.

 

Das Auto. Seine Kumpels gaben ihm den Spitznamen. War immer schnell da, immer schnell weg und gleich darauf am nächsten Ort. Seine Schicht hat als erste nur noch nass gebohrt. „Auto“ redete: Was seien die paar Mark mehr am Monatsende gegen die Jahre weniger Leben? Ist nicht weggegangen, bevor die Bohrmilch über die Meißel floss. Dann stellten sie wieder um. Aber „Auto“ bog wieder um die Ecke und hielt den Vortrag neu. Sei doch ihre Gesundheit, nicht seine. Langsam wirkte seine Ausdauer, sie spürten Ehrlichkeit, auch er wurde vom Vortrieb bezahlt, der geringer ausfiel, bohrten sie nass. Der Hermann, „das Auto“, war geduldig und zäh. Ein guter Steiger. Schade. Aber Verständnis für einen Nazi – nein.

 

„... um den guten Steiger tut es mir leid. Aber nur um den guten Steiger.“

 

„Dann erzähle ich, was er für ein Nazi war.“ Gerhard sprach vom Fanfarenzug der sozialistischen Arbeiterjugend, der „gleichgeschaltet“ wurde mit der „Machtergreifung“. Die Fanfaren fielen an die SA und ein Parteibuch an die Spieler. Nie mehr probten sie, nie gingen sie zu einer Versammlung. Ihre neuen Oberen wagten nicht zu mahnen, sie selber keinen Austritt. Alles blieb in der Schwebe und in den Akten. So ein Nazi sei sein Vater. Die neue Zeit wolle doch Schluss machen mit Ungerechtigkeit.

 

Der Personalchef glaubte das. Immer schon hatte er sich gefragt, wie „Auto“ früher Nazi sein konnte. Das war nun die Wahrheit. Er kannte Umfaller, Verräter, Standhafte und solche wie „Auto“, schob die Erinnerung beiseite. Wie sollte er antworten? Zuerst brauchte er Zeit.

 

„Das findet man selten, wie du dich für deinen Stiefvater einsetzt, Bravo! Aber – ich bin nicht der Putzoberste meiner Zunft. In einer Woche weiß ich mehr. Inzwischen bringen wir unsere Sache zu Ende. Da steckt der Füller.“

 

In Gerhard kroch ein frohes Gefühl. Den da hat er gewonnen. Der hält Wort. Aus der Freude wuchs Triumph, er schaute auf den Füllfederhalter. Aber – unterschreibe ich jetzt, habe ich kein Druckmittel mehr – es gibt nicht nur ihn. Mit wiederkehrender Beklemmung sagte er: „Nein. Erst ist mein Vater wieder Steiger. Dann unterschreibe ich.“

 

Will dieser Spund ihn erpressen? Halt, sagte sich der alte Kommunist. Aus solchen Leuten mit Rückgrat und Willen rekrutieren sich die Besten. Er sah in Gerhards Augen, las die zurückgehaltene Angst, den Mut zu seinem Entschluss – ein Kämpfer. Sein Staat könnte gut beide brauchen, „das Auto“, und den da, Hermanns Sohn. Man muss sich bemühen um den Nachbarn, den Kollegen, den Freund, und von zwanzig Kandidaten wird vielleicht einer Genosse. Beinahe vergaß er das an diesem  blöden Schreibtisch. „Gut. Bekommst Bescheid. Nun raus mit dir!“

 

Gerhard empfand den Händedruck nicht mehr bedrohlich, eher vertraut und warm.

 

Die heiße Mittagssonne spürte er nicht beim Hinabstürmen durch Frohnau, hinunter in das Tal der Sehma. Erst kurz vor dem Marktplatz in Annaberg, als ihm vom Anstieg die Füße schwerer wurden, spürte er Wärme auf sich fallen. Schnell verdrängte er sie. Dort vorn begann Gustls Mittagspause. Sie muss erfahren, was er eben erlebte, teilhaben an seinem Erfolg.

 

Er fand die kleine Tür im Bretterzaun, die sie ihm verraten hat, falls es einmal „sehr Wichtiges“ gäbe. Sie mochte keine Besuche, genierte sich vor den anderen Mädchen. – Ihre kichernden Kolleginnen sah er nicht, hatte nur Augen für Gustl. Sie stand sofort auf, winkte ihn mit den Augen nach draußen. Dann lehnte sie mit dem Rücken an der warm bestrahlten Hauswand, blinzelte in die Sonne und sah auf Gerhard und seine Begeisterung. – Er wird seinen Vater wieder auf den Schacht bringen. Was sagt sie dazu?

 

Gustl wurde trotz der warmen Sonnenstrahlen kalt. Sie zog die leichte Strickjacke fester um sich. „Ich weiß nicht, Gerhard. Ich habe Angst. Das geht nicht gut.“ – Was sie für Gespenster sehe? – Gerhard erwartete Bewunderung, hörte: kleinliche Verzagtheit. – „Ich kann nichts sagen. Hab nur so ein Gefühl.“ – Sie sah zu Boden. Er forschte in ihrem Gesicht. Fand nichts. – Stille lastete. „Ich muss wieder rein. Sehen wir uns heute?“ – Gerhard schüttelte den Kopf. Er muss wieder nach Freiberg.

 

Sie küssten sich. Eine Wolke schob sich vor die Sonne, ließ es kalt werden im kahlen Hof.

 

Gustl sah ihm nach. Sein Schritt schien ihr schwer, seine Schultern gebeugt. Die Wolke war an der Sonne vorbei gewischt, Wärme überfiel sie und konnte doch ihr Frösteln nicht vertreiben. An der Tür drehte er sich um und winkte. – „Gute Fahrt!“ rief sie.

 

Zu Hause schwieg er. „Formalkram“, antwortete er Mutter, stieg hoch in seine Bodenkammer und packte den Koffer.

 

Kleine, tapsige Schritte auf der hölzernen Bodentreppe, erstaunt sah Gerhard seinen kleinen Bruder. „Das ist aber ein seltener Besuch.“ – Bernd setzte sich aufs Bett, sah ihn mit großen Augen an. – Gerhard klappte den Koffer zu. „Schieß los! Mutti soll es nicht hören, ja?“ – Bernd nickte. „Warum hast du den Fußball gegen die Mandoline getauscht?“

 

Natürlich. Die Antwort gestern hat nicht genügt. Gerhard holte weit aus. Er hat doch Musikalienhändler gelernt. Da verkauft oder kauft man Lieder, sollte ein Instrument spielen können. Er hat den Fußball gefunden, zur Tauschzentrale gebracht und erhielt die Mandoline. Sein Glück. Kurz danach gab es keine Tauschzentrale mehr.

 

„Warum gibt es keine Tauschzentrale mehr?“

 

Weil die Leute jetzt im Konsum oder der HO kaufen können, was sie sich früher beim „Hamstern“ oder auf dem „Schwarzen Markt“ beschaffen mussten. Dann konnten die Leute dort tauschen ohne Angst vor der Polizei. Jetzt geht es allen Leuten besser, wenn auch noch nicht so gut wie vor dem Krieg. – „Aber du brauchst keine Mandoline! Bist in Freiberg und wirst Geologe!“ – „Ich habe das gern gelernt, Bernd. In Freiberg bin ich, weil es uns hierher verschlagen hat, durch den Krieg und so.“ – „Du bist lieber Musikalienhändler als Geologe?“

 

Gerhard fühlte sich überfahren von der Konsequenz der Kinderfrage. Er hat sich das nie gefragt. Es gab keine Wahl. „Musikalienhändler könnte ich in Leipzig sein, hier nicht. Hier gibt es nur Bergbau.“ – „Bist du nicht gern im Schacht?“ – „Im Musikladen stände ich lieber.“ Jetzt war es heraus und Gerhard selbst erschrocken.

 

Bernd fühlte sich erhoben. Wie wichtig ihn der große Bruder nahm, sprach wie mit seinesgleichen! Er wollte ihm ebenbürtig sein, auch wenn er dafür Träume opferte. „Dann war es richtig, die Mandoline einzutauschen. Vielleicht stehst du doch noch im Musikladen!“

 

Grausame Kinderlogik. In Gerhard brach Verschüttetes auf, begrabene Wünsche aus Einsicht in die Notwendigkeit. Ging es nicht auch anders? Er wird darüber nachdenken müssen. – Verdammter Fußball, brachte Vergessenes ins Rollen! Laut sagte er: „Verzeiht mir mein kleiner Bruder? Männer werden sich doch immer einig, nicht?“ – Bernd nickte. – „Gehen wir runter. Weiß Mutter, dass du hier bist?“ – Bernd schüttelte den Kopf. – „Du Schlimmer! Vielleicht merkt sie es nicht!“ – Verschwörerisch schien ihr Einverständnis. Plötzlich schien beiden, als ständen gar nicht so viele Jahre zwischen ihnen. Erleichtert und froh einen Bruder zu haben, liefen sie die Treppe hinab.

* * *

 

Am selben Nachmittag krallte sich der alte Kommunist seinen Parteisekretär und erzählte von „Auto“ und Gerhard.

 

„Glaubst du das?“, fragte er. – „Ja.“ – „Wie kannst du das beweisen?“ – „Gar nicht.“ – „Da liegt das Problem. Wie Auto heute spricht, könnte er einer von uns sein. Da blieb viel hängen von der sozialistischen Arbeiterjugend, nicht nur das Fanfareblasen. Hatte den Mut, den Nazis fern zu bleiben. – Aber ich sehe keine Chance.“ Der Parteisekretär sah auf das Pappauto. Sie rauchten ihre Pfeifen, blauer Rauch verteilte sich im Raum.

 

„Zu einer Pause gehört ein Schnaps“, brach der Sekretär das Schweigen. – Der Personalchef holte den Bergmannsfusel aus dem Schreibtisch und fischte zwei Gläser heraus. „Darauf, dass wir wenigstens den Jungen behalten“, sagte er und hob das Glas. – „Wieso?“ – „Der geht, wenn er sein Vertrauen verliert.“ – „So einer ist das?“ Der Sekretär zögerte mit Trinken. – „Dann trinken wir darauf, dass uns Unmögliches gelingen soll!“ – Sie sahen sich an wie Verschwörer und kippten den Schnaps.

 

Es war einfacher in der alten Zeit. Da gab es den Feind, da gab es den Freund, es gab Möglichkeiten, man hatte Angst, hatte Mut, konnte handeln. Und immer war man mit sich im Reinen. Jetzt aber hatten sie die Macht. Man sah keinen Feind, aber Richtlinien und Direktiven. Die wollten oft nicht passen zu dem, was sie ihr kommunistisches Gewissen nannten. Lag es daran, dass die Russen ihnen nicht alle Macht gaben? Doch die Russen gaben ab. Eines Tages sind sie alleinige Herren im Haus. Sieht es dann anders aus?

 

Als sie sich trennten, sahen sie keinen Weg. Doch eine Bestimmung musste es doch geben, dass sie nach ihrem Gewissen handeln konnten, verdammt noch mal! Man muss sie finden!

 

* * *

 

Zwei Wochen später saß Gerhard wieder im Wismutbus von Freiberg nach Annaberg. – „Du kannst Beziehungen haben“, sagte die Studiensekretärin. – Er druckste. „Ich müsste eher los und mit jemand reden, ehe ich dahin gehe.“ – „Hau schon ab! Ich mach das schon!“   

       

Gewitzigt von der ersten Fahrt ergatterte er einen Platz an der Rückwand der Kabine über dem drehenden Teller des Sattelaufliegers. Hier saß er ruhiger und konnte seinen Gedanken nachsinnen. Gustl weckte seine Unruhe. Doch er hatte vorgesorgt, Briefe nach Leipzig geschrieben und Antworten erhalten. Gustl und die Eltern ahnten nichts.

 

Als er die Tür zur Wohnküche öffnete, sah er ein unerwartetes Bild. Kuchen auf dem Tisch, Bohnenkaffeeduft, Mutter, Vater und Bernd langten zu und blickten ihn freudig an. Kuchen und Bohnenkaffee am Samstagnachmittag, wann hat es das gegeben?

 

Mutter stand auf. „Fein, dass du so früh kommst, Gerhard. Kannst gleich mitfeiern.“ Sie holte ein viertes Gedeck. Vater lachte verschmitzt. Er holte tief Luft und sang mit hellem, klaren Bariton kräftig und volltönend: „Ja, ja, der Chiantiwein ...“ Das tat Vater nur bei großer Freude. Ab nächstem Monat arbeiten Mutter als Buchhalterin, Vater als Lagerleiter in der HO. Sie würden zwar nur halb so viel heimbringen wie Vater früher, aber sie kämen aus. Gerhard könnte sein Geld behalten, abzüglich Kostgeld wie bisher. Ist das kein Grund zum Feiern?

 

Weit zurück wichen Gerhards Sorgen. Als Mutter den Tisch abräumte, ließ er fallen, er wolle noch zu Gustl. Ein Schatten fiel auf Mutters Gesicht.

 

* * *

 

Als Gustl und Gerhard zur Festhalle liefen, ging die Sonne unter. Kalter Wind frischte auf, erste Regentropfen fielen. Keinen Tanz ließen sie aus. Gerhard erzählte. Gustl erinnerte, dass sie nicht weg mochte von Annaberg. Hier sei sie zu Hause. Gerhard sah ihre Angst. Er wusste nichts zu antworten. Er käme ins Kaufhaus am Montag Mittag.

 

Der kalte Wind begleitete sie auf dem Heimweg. Im Pöhlbergwald auf ihrem Moosbett konnte er nicht stören.

* * *

 

Er müsse noch einmal Formalkram erledigen, versteckte sich Gerhard vor den Eltern. – Nein, dies würde seine Entscheidung sein, jetzt, da Vater wieder in Arbeit kam.

 

Natürlich sei er lieber auf dem Schacht, sagte Vater am Sonntag. Aber man müsse die Dinge nehmen, wie sie sind. Nach der Meinung und dem Willen der kleinen Leute sei es schließlich nie gegangen.

* * *

 

Den Händedruck des Personalchefs empfand er wieder vertrauensvoll grob. „Ich mache es kurz, Junge. Die Entlassung deines Vaters ist nicht zu kippen. Zwar gibt es Ausnahmen, aber ...“ Er sprach von Zeugen und Belegen, die beweisen konnten. Das prüfe eine Kommission, das kann dauern. – „Aber Sie kennen doch meinen Vater. Glauben Sie mir nicht?“ – „Doch. Ich hätte mich sonst nicht eingesetzt. Mehr war nicht drin. Finde dich drein und regle das deine. Da ist der Füller.“

 

Gerhard wurde klar: Das hatte er erwartet. Er will es ruhig hinnehmen. Viele einzelne Gedankenfetzen flossen zusammen. Erst war Vater gut genug, die Schwierigkeiten des Anfangs zu meistern, jetzt, wo es leichter wurde, warfen sie ihn wieder hinaus. Damit ihre Willkür nicht so offensichtlich ist, legen sie diesen Köder aus: Prüfung im Einzelfall. Es interessierte sie nicht, dass Vater gar kein Nazi war – Rache nahmen sie an ihren unterlegenen Feinden, wirklichen oder vermeintlichen, ganz gleich. Das Geschwafel von der großen Idee und der Gerechtigkeit – das konnten sie sich schenken, war Nebel vor ihren Machtgelüsten, nicht anders als bei den Nazis vor ihnen! – Wut kroch in ihm hoch. Er hob den Blick und sah den Mann ihm gegenüber. Sicher, der war ehrlich. Aber die Leute über ihm? Ihm war wie losschreien, aber – er träfe den Falschen! Der verdient seinen Zorn nicht – und die ihn verdienen, die trifft er nicht! Er ahnte etwas von Gustls Angst, als er noch stolz war auf seinen vermeintlichen Erfolg.

 

Gerhard zwang sich zur Ruhe. Dann sagte er: „Ich bleibe dabei: Wird mein Vater nicht wieder eingestellt, unterschreibe ich nicht.“ Nur Starrsinn können sie ihm anlasten, sonst nichts.

 

In Gedanken zog der Personalchef den Hut vor dem Jungen. Nun musste er sagen: „Ohne Arbeitsvertrag kein Studium an der Bergakademie.“ Der alte Kommunist fühlte sich schlecht.

 

Natürlich, dachte Gerhard. Aber so braucht er auch nicht für Heuchler arbeiten. Oder studieren, das macht keinen Unterschied. Er warf die Tür ins Schloss.

 

* * *

 

Als dann der Parteisekretär auf dem Stuhl saß, rauchten sie bedächtig ihre Pfeifen. „Du musst den Vermerk machen.“ – „Ich will nicht. Er stimmt nicht.“ – „Wenn der nie wieder auffällt, schadet er ihm nicht. Wenn er aber mit ihm Ärger gibt, wird man dich fragen: Warum hast du nicht gewarnt? Wir müssen es machen wie die sowjetischen Genossen, die haben gesiegt. Unser Sieg ist von ihnen geschenkt. Wachsamkeit, muss ich dich da agitieren?“

 

Der alte Kommunist begriff: Es blieb ihm nichts erspart. Leise fluchend holte er Gerhards Akte. Stockend schrieb er: „Der Arbeitsvertrag wurde nicht geschlossen, weil er die Wiedereinstellung eines Nazis erpressen wollte.“ Plötzlich brach es heraus: „Noch mehr solche halbseidenen Dinger, und ich schmeiß den Bettel hin!“

 

Der Sekretär verstand. Er dachte an Worte, die er in ganz anderem Zusammenhang las und die ein gewisser Tucholsky geschrieben haben soll: „Die schlimmste Lüge ist die Wahrheit, mäßig entstellt.“ Macht gebrauchen, stellte er sich anders vor, damals im Untergrund.

 

* * *

 

Regentropfen fielen, als Gerhard die Baracke verließ. Er fühlte sich ausgebrannt. – Seine Sachen muss er noch holen, sagte der Personalchef, ehe er ihn mit seinem gewohnten Händedruck entließ. Er schien ihn immer noch zu mögen. Doch es war ein Abschied.

 

Am Bahnhofsberg drückte er sich an die Hangwand. Bäume und Büsche reckten ihre Kronen weit ausladend über den Fußweg. Gerhard suchte Schutz vor dem Regen. Er wollte schnell die schützenden Dächer Annabergs erreichen. Seine Joppe hielt den Regen ab, aber die Tropfen rannen in den Kragen. Auf den Oberschenkeln sogen sich die Hosenbeine voll. Endlich lag der steilste Anstieg hinter ihm und erste Hausdächer boten Schutz. Bald sah er den Holzzaun – ihn fröstelte. Wie wird Gustl aufnehmen, was er jetzt sagen muss?

 

Unvermittelt hörte der Regen auf. Als er den Hof des Kaufhauses betrat, blieb der Wind zurück. – Gustl sprang mit bang fragenden Augen auf. Dann lehnte sie wieder an der Wand.

 

„Sie stellen Vater nicht wieder ein.“ – „Und du?“ – „Nicht unterschrieben.“ Dann brach es aus Gerhard heraus, Trotz und Logik seiner Gedanken fielen auf das Mädchen nieder. – Sie duckte vor der Gewalt verletzten Stolzes und wusste nicht: Soll sie stolz sein auf diesen Freund, der sich nicht beugt? Oder traurig, weil er sich in Gefahr begibt? – „Was willst du tun?“ – „Ich habe nach Leipzig Briefe geschrieben. Mein Lehrbetrieb stellt mich wieder ein. Bei einer Tante kann ich wohnen.“

 

Sie erschrak. Das war ungeheuerlich. Er hat schon Vorsorge für Leipzig getroffen! Sie wandte sich ab und weinte leise. – Mit seinem Zorn beschäftigt, verstand er nicht. Doch unwillkürlich nahm er sie in den Arm. – Erst wollte sie abwehren, fand nicht die Kraft und weinte still an seiner Brust. – Hilflos sah er ihren Kummer, fremd blieb ihm der Grund. Sie brauchte Trost. Er wollte ihn geben, er liebt sie doch.

 

Ihr Schluchzen ließ nach, sie sah ihn an. „Ich habe Angst um uns, Gerhard. Leipzig ist so weit.“ – „Aber es ist doch nicht aus der Welt! Wir können uns besuchen, wir können uns schreiben. Ich habe noch nie einen Liebesbrief von dir bekommen.“ – Du Kindskopf, wollte sie erwidern, verschluckte es. Er begreift es nicht. „Ja, besuchen wir uns eben, schreiben wir uns. Ganz bestimmt, ja? Ganz sicher, ja?“

 

Gerhard nickte stumm. Heute holt er die Klamotten. Morgen käme er abends zu ihr, dann werden sie reden. Sei ihr das recht? – Es war ihr recht. Mit dem Taschentuch wischte sie die Tränen fort. Er half ihr, zart tupfte er in ihre Augenwinkel. Sie lächelte dankbar.   

 

Sie sah ihm nach. Wie beim letzten Mal, dachte sie, und doch – alles ganz anders.

 

* * *

 

Er geht nach Leipzig, wird bei Tante Erna wohnen, sagte er den Eltern. Sein alter Lehrmeister erwarte ihn, bei der Wismut konnte er kündigen.

 

Mutter bekam freudige Augen, Vater bedauerte, keinen studierten Bergmann in die Familie zu bekommen. – Allein mit ihm, fragte Vater: „Ist was mit Gustl?“ – Nein, nein, versicherte Gerhard. Aber nun wird alles wieder normal. In Leipzig, schrieb Tante Erna, fahren keine Trümmerbahnen mehr. Sein Chef öffnet einen zweiten Laden. Den wird er führen. – Vater schien nicht recht glauben zu wollen. Doch Gerhards Worte klangen logisch, kamen ihm nur zu schnell. – Er sei nun schon lange über achtzehn, könne wählen und gewählt werden. Also sei es sein gutes Recht, eigene Entscheidungen zu treffen. Vater schlug ihm auf die Schulter und wünschte viel Glück.

 

Mutter passte ihn alleine ab. Nach Gustl fragte sie nicht. Sie beklagte sich, dass er ganz ohne sie fertige Tatsachen schuf. So plötzlich gehen, ohne ein Wort vorher zu ihr, habe sie das als Mutter verdient? – Gerhard verstand nicht, fühlte sich aber wie ertappt. Er fahre andern tags nach Freiberg, mit den Kommilitonen Abschied feiern. Es könne auch einen Tag länger dauern. Am Donnerstag erwarte ihn Tante Erna.

 

Das war nicht die ganze Wahrheit. Mit seinem Koffer von Freiberg ging Gerhard ins Siedlungshaus zu Gustl. Sie aßen mit den beiden Alten zu Abend.

 

In ihrer Kammer schrie Gustl Gerhard an und trommelte mit den Fäusten gegen seine Brust: „Geh hin zu deinem Personalchef! Es darf nicht zu spät sein! Ich war so lange auf der Flucht. Mutter hat sich allem gefügt, um mich zu retten, ist darüber gestorben! Ich will endlich Wurzeln haben in meinem Pöhlberghaus!“

 

In dieser Nacht schlief Gerhard in Gustls Kammer. Sie liebten sich wie Ertrinkende. Die beiden Alten sahen bei ihrem stillen Frühstück traurig auf ihr Mädchen und den Jungen.

 

Auch den kleinen Bernd traf Gerhard noch einmal allein. „Nun wirst du doch Musikalienhändler. Freust du dich?“ – Gerhard wusste nichts zu antworten. – „Spiel mir was vor! Bitte!“ Bernd sah bedauernd auf den Fußball, der nun eine Mandoline war. – Gerhard griff einen Akkord in den Saiten und sang:

„Tschio, tschio, tschio, tschooo!

Käse gibt’s in der HaOoo ...!“

Plötzlich brach er ab. – „Spiel weiter, klingt doch schön!“ – „Ein andermal, Kleiner, ganz bestimmt!“ – „Wann ist das?“ – „Ich weiß es nicht.“ Mutlos hingen Gerhards Schultern vor.

 

Gustl besuchte Gerhard in Leipzig. Die Straßenbahnen waren ihr zu laut mit ihrem Kreischen in den Kurven und ihrem vielen Klingeln. Wie überhaupt die große, noch halb kaputte Stadt.

 

Sie schrieben sich noch lange.

 

März 2003     

20.11.2009