1. Verfehlter Weg

 

Seidige Luft floss über seine Haut. Zittrig tasteten seine Hände durch das scharfkantige Gras. Warten müssen, mochte er nicht. Auf seine Armbanduhr wollte er nicht sehen. Es gehört zum ewigen Spiel zwischen Mann und Frau, dass er zu früh da ist, aus Furcht, er könne sie verfehlen. Sie kommt natürlich später, ihren Wert mit wachsender Verspätung erhöhend. Er wusste das, glaubte, es längst zu kennen. Aber nun war es da. Und es war wieder ein erstes Mal.

 

Sie sah seinen Umriss schon von Weitem. Schräg saß er an den Baumstamm gelehnt, wedelte langsam mit der Linken durch das Gras. Klein und zerbrechlich ragten die Schultern aus dem Grün, verzerrten die Silhouette des Stammes. Sein Gesicht konnte sie nicht sehen. Und wünschte doch, sie wüsste seine Augen zu deuten. Bewusst hatte sie den anderen, den unerwarteten Weg zu ihrem Treffpunkt gewählt.

 

Ein Kiesel rollte weg unter ihrem Fuß, schepperte durch die Wegrinne. Sein Kopf fuhr herum. Die aufleuchtende Freude seines Gesichts belohnte ihren Entschluss, ihn so zu überraschen. Der da könnte es sein.

 

Ganz kurz erstaunte er über ihre ins Gesicht geschriebene Frage. Dann vergaß er über seiner großen Freude. Sie war gekommen. Den Helden hatte er jetzt zu spielen, den 'coolen Typ'. Seine weichen Knie vergaß er lieber.

 

„Hallo Ines!“ – „Hallo Jürgen!“ – Er griff nach ihrer Hand, sie neigte die Wange an die seine. Flüchtig heiße Berührung, ihre Hand hielt er fest. – Sie kroch in die seine hinein.

 

„Wohin, Jürgen?“ – „Wie abgesprochen, zum 'Jäger', am Bach entlang.“ – „Hältst du immer deine Pläne ein?“ – „In der Regel schon“, sprach er in ihre glitzernden Augen. „Wenn nichts Besseres dazwischen kommt.“ – Ganz nah waren seine Lippen. – „Nein, nein!“ Ihr Gesicht tauchte weg. „Bleibe bei deinem Plan, Frechdachs.“ – Das Herz fiel ihm in die Hosen. Doch da war noch immer ihre Hand in der seinen. Ganz ruhig lag sie in seinem Griff. Wovor hast du Angst? Das gehört doch zum Spiel! Sehr erleichtert und froh schaute er wieder in diese glitzernden Augen.

 

Der Wind war nicht lau an diesem Märztag. Er streifte kühl ihre Haut und ließ sie kurz frösteln in auffrischender Bö. Ich muss jetzt etwas sagen, dachte er und spürte wieder diese aufsteigende, unerklärbare Angst. Was sollte er sagen? Er fand so banal, was er hätte sagen können. Oder kitschig. 'Small Talk' fiel ihm ein, müsse jetzt sein. Worüber? Neben diesem Mädchen?

 

Er musste sie nicht ansehen, trug ihr Bild im Kopf. Zu oft sah er sie durch die Schaufensterscheibe. Ihre blonden Locken fielen ihm zuerst auf, wenn sie den Kopf wandte, von der Kasse zum Kunden und zurück. Er ging hinein, die blonde Schönheit näher zu besehen. Ihr Lachen fiel ihm auf, mit dem sie jeden Kunden bedachte. Doch in der Kassenzone konnte er nicht stehen bleiben. Also schnappte er sich einen Einkaufswagen, kurvte schnell um die ersten Regale, warf sich ein, zwei Riegel in den Wagen und erfreute sich an ihrem schlanken Hals, dem weichen Flaum unter dem Haaransatz und immer wieder diesem Lächeln, das sie an jeden Kunden verschwendete. Sie sah ihn nur als Kunden. Oft musste er Riegel kaufen, ehe er sie einmal aufstehen sah. Als sie die Tür zu ihrer Kasse schloss, fiel ihm befriedigt auf, sie war fülliger als der allgemeine Trend den Mädchen das Idealbild vorschweben ließ. Er mochte das. Handfest proportioniert nannte er das bei sich. Wenn ein lachendes, ruhig noch ein wenig pausbäckiges Gesicht hinzu kam – dann konnte er sich schon vorstellen, sich in sie zu verlieben. Es dauerte drei solcher Verlegenheitskäufe, bis er in ihren Augen aus einem Kunden sich zu einem Mann mit glitzernden Augen wandelte.

 

Der muss doch schon ein kleines Riegellager haben, dachte sie, ehe sie ihn erst einmal richtig anschaute.

 

Da war er schon verliebt in ihren Blick, der so konzentriert auf dem Geld ruhte und urplötzlich hoch tauchte, zum Lachen wurde und beim vierten Einkauf in seinen Augen forschte. Nun wusste er, dass sie ihn wahrnahm. Zum Abschied zwinkerte er ihr zu wie beim Kinderspiel: Mein rechter Platz ist leer. Sie hob kurz die linke Hand und klappte sie zusammen. Die kleine Geste ließ ihn hoffen, dass sie zu einem Treffen käme.

 

Er hat noch in viele Riegel investieren müssen, und in Gesten, Blicke und Worte. Jetzt aber lief sie neben ihm. Wie schön!

 

Er schlenkerte mit seiner Hand ihren Arm, erst langsam, dann immer höher. Sie lachte ihn an, blickte schnell wieder weg. Er drehte sich vor sie, lief rückwärts vor ihr her, schaute ihr forschend in die Augen. „Du stolperst, wenn du noch lange so läufst.“ – „Na und, ich habe deine Hand, mich fest zu halten.“ – „Dann falle ich auf dich.“ – „Das wäre nicht schlimm, du fällst dann weich.“ – „Ich wusste gar nicht, dass du ein raffiniertes Luder sein kannst.“ Ganz langsam zog sie die Worte aus ihrem Gefühl. Sie war am Zug. Zog schnell ihre Hand aus der seinen und sprang in die Wiese, rannte um den nächsten Busch und wollte die Überraschung seines Gesichtes sehen.

 

Sie sah es nicht. Er war schon hinter ihr.

 

Sie spürte seine greifende Hand, startete neu, schneller lief sie jetzt durch raschelndes Gras.

 

Er blieb dicht hinter ihr. Leicht hätte er sie fangen können. Sie war nicht so schnell, wie sie hätte sein müssen, um ihm zu entwischen. Es war schön, ihr nachzulaufen, greifbar, vor sich noch all das andere, schöne, was noch kommen würde. Sein Glücksgefühl ließ ihren kleinen Abstand bleiben.

 

Sie fühlte dieses Band hinter sich, fühlte es zufrieden. Der da ließ sich Zeit, wie schön. Doch zu viel Zeit musste nicht sein. Sie lief langsamer, immer langsamer. Sie wartete auf seinen Griff. – Doch er lief neben ihr, sah in ihr erstauntes Gesicht, das seinige war plötzlich vor ihr – und nun fielen sie doch übereinander in die Wiese. Sie spürte seinen schnellen Griff an ihre Brust, wie er die Hand wieder wegzog, als sei es ein Versehen, wie er sie fest um die Schultern fasste, um die Taille griff – Gott, war er noch scheu. Mit beiden Händen griff sie seinen Kopf, zog ihn bestimmend an ihre Wange.

 

Tief atmeten sie beide, der Lauf pulste in ihnen nach. Sie atmeten die Haut des anderen, immer mehr, immer schöner. Jetzt war an ihr, zu handeln. Entschlossen suchte sie seinen Mund. Glücklich und gierig kam er ihr entgegen.

 

Mit kurzem Ruck zog sie ihren Kopf beiseite, machte sich los und sprang auf. – Er hatte es geahnt, Sekunden vor der Ausführung, unterdrückte den Wunsch, sie fest zu halten. Nun wusste er genau: Das war nicht ihr letzter Kuss gewesen, aber der erste – und er war schön.

 

Sie klopfte vermeintliches Gras aus dem Kleid, drehte sich prüfend und dachte dabei: Der forderte nicht, das war schon ganz gut. Sich bedrängt fühlen, das wollte sie nicht. Es schien ihr, die erste Probe habe er bestanden.

 

Aber das stimmte so doch gar nicht. Prüfte sie ihn nicht schon an ihrer Kasse, als er ihr als Riegelkäufer auffiel? Das Glitzern seiner Augen hob ihn aus den vielen Kunden heraus, ließ sie aufmerken und genauer hinsehen. Schlaksig, mittelgroß, Durchschnittstyp, glaubte er sich unbeobachtet, gestrafft, den Kopf geneigt in besonderer Aufmerksamkeit, wenn er bei ihr an der Kasse stand – den Unterschied bemerkte sie als zweites und wartete, ob er den Mut aufbrachte, sie zu fragen. Was er fragen würde, stand ihm schon beim zweiten Male ihm Gesicht geschrieben. So ein Gesicht konnte und wollte sich nicht verstellen. Lustig sah es aus mit seinen hoch gezogenen Mundwinkeln und den kleinen Lachfältchen an den Augen. Lustig ist er sicher selber. Sie zählte seine Riegelkäufe, maß daran seine Ausdauer, freute sich seines lustigen, offenen Gesichts, aber auch seiner Beklemmung beim Suchen nach Worten, wenn er ins Gespräch mit ihr kommen wollte. Der war nicht auf Eroberung aus, der konnte gar nicht erobern. So einer meint es gleich ernst. Sie ließ ihn ein wenig zappeln, gab sich erst als Kühle, schien seinen Blick nicht zu merken, täuschte Hektik vor, damit er nicht fragen konnte. Bis er einmal seine Riegel präsentierte und kein anderer Kunde in der Nähe stand. Da lehnte sie sich zurück in ihren Kassenstuhl, sah voll in seine hellen, grauen Augen und nahm seine Riegel nicht in die Hand. Ein widerborstiger Wirbel fiel ihr auf in seinen aschblonden Haaren vorn an der linken Stirnseite.

 

„Schon etwas vor am Wochenende?“ – Spannung hinter seinen Worten.

 

Sie tat ihr so gut. Das stimmte sie milde und ließ sie das Spiel verkürzen. Langsam schüttelte sie den Kopf. Er war so dankbar für die kleine Erleichterung, so froh über ihre Zusage. Und jetzt hat sie diesen Jungen geküsst.

 

Dann liefen sie weiter, rannten ein Stück und fingen sich wieder. Mit Küssen, die immer länger wurden, belohnten sie einander. Scheu fiel ab, 'Small Talk' ganz selbstverständlich, floss über beider Lippen, wurde auch schon einmal anzüglich. Und nach dem vierten oder fünften Fang- und Kusserlebnis glitt seine Hand entschlossen von der Taille in die Höhe. Sie legte ihre Hand über die seine, spürte sein ruhiger werdendes Beben, genoss seine Wärme, empfand Vertrauen und seinen Willen. Dieser Wille, den sie da in dieser Hand auf ihrer Brust zu spüren meinte, wird ihr nicht weh tun wollen. Es könnte mehr daraus werden. Sie hoffte es sehr.

 

Als sie die Tische sahen im Freien, die Theke und das Schild über dem Eingang, wussten sie: Der 'Jäger' war das nicht.

 

„Wo sind wir lang gelaufen?“, lachte sie in seine irritierten Augen. – „Ich weiß nicht.“ – „Na, du bist mir ein Verführer. Oder war das dein Plan, du Luder? Aufpassen muss ich bei dir! Das weiß ich nun.“ – „Wie soll ich aufpassen auf den Weg, wenn mich ein scharfes Weib ablenkt?“ – „Ach ja, nun bin ich auch noch schuld. Das kann ja heiter werden.“

 

So stritten sie – doch ihre Augen stritten gar nicht. – „Eine Cola“, rief sie dem Kellner schon zu, noch ehe sie den Tisch erreichten. – „Ein Bier“, fügte er sich ins Klischee. War ja auch nicht wichtig. Wichtig waren die beiden Beine ganz nahe beieinander unter dem Tisch, die sich so heiß anfühlten, fast wie ihre Wangen zur Begrüßung – und doch schon ganz anders. Wir kennen uns schon, schien die Haut ihrer Beine einander zu sagen. Dann schauten sie sich in die Augen, immer wieder anders, die winzigen Reaktionen des Gegenübers erkennen und deuten wollend, sprachen nichts, lachten plötzlich wie auf Kommando und nebenbei tranken sie kleine Schlucke Cola oder Bier und aßen ihre Bratwurst. Dann aber fand er, dass es auch noch anderes Wichtiges gäbe.

 

„Du lernst also Verkäuferin.“ – „Schlaues Kerlchen. Lungerst vierzehn Tage an meiner Kasse herum und folgerst messerscharf.“ – „Gefällt es dir, oder – war gerade nichts anderes frei?“

 

Ganz schnell fegten ihre Gedanken durch das Hirn. Wenn er jetzt schon so fragt, will er mich nicht nur in die Wiese legen. Verdiente er Ehrlichkeit? Sie konnte es nicht wissen. Was wusste sie schon von ihm? Student war er, kam anfangs immer im Kreise anderer, dann immer öfter auch allein, bis es ihr auffallen musste. Na und, Studenten gab es viele um ihren Markt, Hochschule, Fachschule, Studienrichtung – gar nichts wusste sie. Nur seinen Blick kannte sie, so oft an ihrer Kasse, und wie er sich veränderte, bis er den Mut fand, um das Rendesvouz zu fragen. Mindestens dreimal hat er wohl Anlauf genommen. Doch ihr Körper sandte jetzt Signale, die Brust, die er berührte, seine weichen Lippen, die nichts forderten, dankbar waren, sein Atem, den sie gerochen, seine Haut, die sie jetzt noch spürte unter dem Tisch – alle Stellen, die er schon berührt, schienen sich einig zu sein und sprachen: Ja, der könnte es sein.

 

Sie wunderte sich nicht, als sie sich sprechen hörte. Sie öffnete sich und sprach davon, wie sie schon als Schülerin in den Ferien im nahen Supermarkt ausgeholfen hat, die Vorstellung gewachsen war, Wünsche anderer Menschen erkennen zu können. Ja, es war ihr Wunschberuf, und sie bereute es nicht. Und sie sprach über Chefin, Kolleginnen, Scanner und Regalpflege, doch plötzlich hielt sie inne. „Du bist ja ein ganz Gewiefter. Ich breite meine Seele vor dir aus, und du lachst vielleicht darüber.“ – „Oh nein, ganz gewiss nicht. Es gefällt mir gut, wie du sprichst.“ – „Es reicht auch, jetzt bist du am Zug.“ Da kroch sie hoch in ihr, die sorgende Ungewissheit, vielleicht zu viel preisgegeben zu haben. Immerhin ist er mindestens Abiturient, sie hat die zehnte Klasse gerade so geschafft. Das wird doch nichts.

 

Mitten in dieses bange Ziehen in ihrem Kopf fiel seine Stimme. Er sprach ganz ernsthaft. Diese Stimme nahm sie wichtiger als die Freundin, selbst die Eltern. Sie erkannte beglückt: Sie brauchte sich ihrer Offenheit nicht zu schämen, er gab sie zurück. Die Ziele, von denen er sprach, verstand sie nicht so ganz. Doch wie ernst sie ihm waren, gestand er wohl nur ihr. Sie spürte sich in dieser Sportlerklause ein wenig von Lebensplanung angeweht. Dieser wenig ältere Junge, kaum größer als sie, manchmal etwas täppisch, der nahm sie ernster als alle Menschen, die sie kannte. Und süß war er obendrein. So verschleierte sich ihr Blick.

 

Er spürte es, wurde regelrecht verlegen und brach ab. „Ich langweile dich wohl?“ – „Nein, nein, ganz im Gegenteil.“ Er war noch nie von einer Frau bewundert worden. – Und wie er jetzt so da saß in seiner Unsicherheit, griff sie sich seinen Kopf, küsste ihn herzhaft und schaute ihn strahlend an. – Er strahlte zurück und sagte: „Gehen wir!“ – Ganz nah beieinander, so recht umschlungen, liefen sie los.

 

Auf dem Heimweg sprachen sie nicht viel. Sie begegneten kaum Menschen. Das war ihnen recht. Sie übten immer wieder, was sie schon auf dem Irrweg zum 'Jäger' getan, der sie zur Sportlerklause führte. Sie lauschten auf die Reaktion des Anderen, wenn sie streichelten, sich streicheln ließen. In den Pausen konnten sie auch schon sachlich darüber reden, dass sie doch an dieser Wegegabel rechts gehen müssten, links sei es viel weiter. Er verlor bald alle Scheu, und sie fand es schön, wenn er sie überall berührte. Über die Grenze, die sie sich beide setzten, brauchten sie nicht sprechen. Sie spürten, wussten, fühlten – wir haben Zeit. Viel schöner ist es, nichts zu überstürzen.

 

Der Abschied war etwas Wehmut, viel mehr Freude. – „Bis morgen, Ines.“ – „Bis morgen, Jürgen.“ – Ein letztes gemeinsames: „Tschüss!“

 

April 2002            2.407 Wörter Klaus Buschendorf