Bernd – der einsam Suchende

 

Hinter dem Haus pfiff jetzt die Eisenbahn.

 

Vaters neue Arbeit forderte den Umzug der Familie. Im Rathaus einer kleinen Stadt teilten sie sich die Wohnung mit dem Bürgermeister. Was tat es, dass ihr hinterer Teil für die Dienerschaft in alten Zeiten angelegt war? Größer und bequemer war es allemal.

 

Während er Kisten auspackte, hörte Bernd das Pfeifen einer nahen Lokomotive. Verwundert schaute er über den Hof auf den Hang des engen Tales und sah eine Kleinbahn die sanfte Neigung am Grund herunterkommen. Er erkannte sofort: Ein GmP, ein „Güterzug mit Personenbeförderung“, den gab es nur auf Nebenstrecken. Die Schmalspurbahn fuhr fast bis nach Annaberg, immer das enge Tal entlang, in dem die lang gestreckte Stadt lag.

 

Hier ist nun sein Vater Stadtrat geworden. Sein Vater – ein „hohes Tier“. Mutter hatte erzählt.

 

Mit Obersteigers waren sie regelmäßig ins Theater gegangen. Nach der Vorstellung blieben sie meist noch im kleinen Café. Sie unterhielten sich gut, nicht nur über das Stück. Mit einem Schauspieler sprachen sie, was getan werden müsse in dem Land, das in den letzten fünfzig Jahren zwei Weltkriege verloren hatte. Oberleutnant  war er gewesen, meinte, gutmachen zu müssen. Der SED traue er nicht, die sei proletenhaft und nähme ihn nicht. Aber da sei eine Partei, nenne sich „national-demokratisch“, ihre Zeitung lese er, dort wäre er dabei.

 

Mutter hat die Aussicht gelockt, gebildete Leute zu treffen und dabei Gutes zu tun. Bald lasen sie die „National-Zeitung“ und gingen zur Parteiversammlung. Vieles hörte Vater schon zu Zeiten seines Fanfarenzuges. Seine Gedanken fielen auf. Er sollte die Parteischule bei Berlin besuchen. Mutter war stolz auf das Angebot. Mit vielen Ideen kam er wieder. Mutter schrieb ihm Reden. Nur anfangs brauchte er den Text, dann sprach er frei. Die Partei bot ihm ein Stadtratsamt. Mutter wischte seine Zweifel weg. Sie selbst fuhr als Abgeordnete zur Sprechstunde in die Dörfer. Bald beklagte sich Gerhard: Kam er von Leipzig, fand er sein Essen im Schaff des Ofens. Er wollte erzählen, dass er bald in Berlin arbeitet bei der „Anstalt zur Wahrung der Aufführungsrechte“. Er sah nur Mutter. Vater wohnte schon in der kleinen Bergstadt.

 

Jeder „machte Karriere“ in dieser kleinen Familie: Der Vater vom Lagerverwalter zum Stadtrat, die Mutter von der Buchhalterin zur Abgeordneten, der große Bruder vom Musikalienhändler in Leipzig zum Mitarbeiter der bei Musikern geliebten und gefürchteten AWA in Berlin. Den kleinen Bruder schlugen die Lehrer seiner guten Zensuren wegen zum Vorsitzenden des Gruppenrates vor. Das Amt war neu. Seine Klasse wählte ihn. Es ist besser, der „Zugezogne“ schlug sich damit herum.

 

Aber Mutter hat die Arbeit verloren. Ihr Privileg als Abgeordnete erschöpfte sich in einem Freifahrtschein im Kreis. Vaters Gehalt wog den Verlust nicht auf. Mutter aber war froh. Sie spürte Schmerzen im Unterleib, die kein Arzt erklären konnte. Sicher sei sie nur überarbeitet.

 

Bernds Schule lag an einer breiten Straße, die vom Marktplatz in zwei Kurven zum Bahnhof anstieg. Über eine große Freitreppe strömte seine Klasse heraus. Sofort teilte sie sich. Die Hälfte lief die breite Straße hinab zur Unterstadt, die andere wandte sich zum Marktplatz.

 

Und Bernd fand sich allein. Traurig schaute er den neuen Kameraden nach, fühlte sich ausgeschlossen. Es wird noch andere Kinder geben. Um das Rathaus herum stehen ja auch Häuser.

 

Am Marktplatz fanden die Bewohner der kleinen Bergstadt alles: den Bäcker, den Fleischer, Eisenwaren und Friseur, den Uhrmacher und Schuster. Ihre Läden säumten die kleine Grünanlage mit Blumenbeeten und Sträuchern. Eine alte sächsische Postmeilensäule zierte ihn. Weiter oben protzte das Rathaus, gegenüber prunkte der alte Gasthof, jetzt Kulturhaus, ein Zigarettenladen an der Stirnseite, dazwischen Pflaster als Parkplatz und Bushaltestelle. Unten lockte das Kino und döste die Kleinbahn-Haltestelle. Pfarrhaus und Kirche lagen kaum hundert Meter entfernt an der Straße, die zur Schule führte. Auf halbem Wege zwischen Pfarrhaus und Schule stand die Post. Ein schönes Zentrum für eine Kleinstadt. Nur eines gab es nicht: Kinder. Ein Mädchen seiner Klasse, die Tochter des Uhrmachers, wohnte über dem Laden. Aber das zählte nicht: „Änne Maad, Maaden überhaupt“ – kein Umgang für Bernd.

 

Im Rathaus konnte Bernd die große geschwungene Haupttreppe bis zur Bürgermeisterwohnung hinauf steigen. Doch fand er es unpassend, mit seiner Schultasche dies Treppenhaus zu entweihen. Schneller lief er im Seiteneingang.

 

* * *

 

An diesem Tag kochte Mutter zu Mittag. Das geschah selten, Bernd aß wie alle seine Mitschüler in der Schule. Erst zum Abendbrot traf sich die Familie. Heute war Vater zu Hause.

 

Ilse strahlte Hermann an. „Nun wohnen wir im Rathaus, in einer Wohnung mit dem Bürgermeister, in großen Zimmern. Wer hätte das je gedacht?“ – Bernd maulte. „Aber ein eigenes Zimmer habe ich nicht.“ Und halb acht schlafen gehen. So früh am Abend ist er noch nicht müde. Das Schlafzimmer lag unter dem Rathausturm, kein Mensch weit und breit. Er sang aus voller Kehle Kampflieder. Da brauchte es Luft und Kraft. Nach neun fiel er in den Schlaf. Das Kommen der Eltern bemerkte er nicht.

 

„Mit nur einem Kind steht uns kein Kinderzimmer zu“, antwortete Vater. „Ich kann kein Privileg erwarten. Ich verteile die Wohnungen – so welche frei werden.“ – Vater erging es nicht anders als dem Sohn: Den ungeliebtesten Posten erhielt der „Zugezogne“.

 

„Langweilig ist es hier. Hinter der Eisenbahn gibt es nur noch Koppel und Weiden, auf der anderen Seite steht hinter der Kirche der Wachtturm, und die Stadt ist zu Ende. Die Anderen meiner Klasse wohnen oben im Tal oder weit unten. In der Haldenstraße traf ich vor der Tür immer jemand zum Spielen. Aber jetzt ...?“

 

Mutter dachte an Bernds Spiele: Fußball auf der Straße, Balltreiben hinauf und hinunter, „Meister, wir wollen Arbeit haben“ und „Prinzessin erlösen“ im Krankenhauspark. Für Bernd fiel das alles weg. Es fallen auch viele Versuchungen weg, dachte sie froh. Sie hatte sein gut verstecktes Katapult entdeckt! Dann baute er Pfeil und Bogen. Sie hat darauf geachtet, dass seine Pfeile stumpf blieben. Entsetzlich der Gedanke, dass ihrem Sohn ein Auge ausgeschossen werden könne, oder er tat es bei anderen! Noch immer quälte sie Angst, war er doch stets der Kleinste. Und sie trug Schuld daran mit der wenigen Milch, die sie ihm geben konnte – was sollte sie tun in den Kriegszeiten? Sie lebte mit dem eigenen Vorwurf: Sie gab ihm nicht genug, schützte ihn zu wenig vor Krankheiten. Deshalb war ihr recht, blieben seine Kontakte spärlich. Er braucht Beschäftigung. Sie erinnerte sich der Bücherkisten in der Bodenkammer. „Lies, Bernd! Drei große Kisten Bücher warten auf dich!“

 

„Er kann aber nicht nur lesen“, sagte Vater. „Gehe zu deinen Klassenkameraden.“ – „Einen Nachmittag gibt es Arbeitsgemeinschaften“, fügte Mutter hinzu. „Hast du schon eine?“ Junge Geologen und Fotografen standen zur Wahl. Steine waren nicht sein Ding. – „Bald leisten wir uns einen Fotoapparat. Entwickle die Bilder selber! Spart Geld!“ – Nicht übel, Chemie interessierte ihn, Bilder entwickeln ist Chemie. Am liebsten wäre er Junger Eisenbahner, doch die gab es nicht. Bis zur Lokführerausbildung bleibt noch Zeit. Die Eisenbahn fuhr hinter dem Haus. Also, den Fotografen wird er sich überlegen. Und die Bücherkisten macht er auf.

 

Kontakte bekam Bernd auf eine andere, überraschende Art.

 

* * *

 

Vor der zweiten großen Pause wisperte es durch die Jungen: heute Knauersturm. Bernd fragte, die anderen sahen sich verschwörerisch an. Dann klingelte es. – „Was ist der Knauersturm?“, raunte Bernd. – Christof interessierte das nicht. „Geh mit, dann siehst du es.“

 

Die Pausenklingel verhallte, der neue alte Lehrer stand vor ihnen: „Seid bereit!“ – „Immer bereit!“ antworteten die Schüler. – „Setzen!“ – Die Sitze klappten, sie quetschten sich in die engen Pulte. Nächstes Jahr ziehen sie in ein neues Klassenzimmer mit richtigen Stühlen und Tischen um. Aber erst lernen sie noch die Binomischen Formeln.

 

Bernd verdrängte den geheimnisvollen Knauersturm. Der alte Herr verstand zu fesseln. Er hat früher die Eltern seiner Mitschüler unterrichtet. Nun entschied die neue Macht, er habe sich genug „in der Produktion“ bewährt. So wurde er der „neue alte“ Lehrer. Bernd verfolgte, was er an die Tafel schrieb, freute sich, erriet er Denkschritte im Voraus.

 

In der Pause schlenderten die Mädchen zur Turnhalle. Später werden sie den Jungen ins Pfarrhaus zur Christenlehre folgen.

 

Im letzten Jahr war ein Schulinspektor in einen Klassenraum geraten, als der Kantor dort Christenlehre gab – nein! Seither gingen die Kinder ins Pfarrhaus. Das war nicht schlimm, Schule und Pfarrhaus lagen nah beisammen.

 

Die letzten Male trödelten die Jungen die breite Straße hinunter und quatschten auf dem Rasen, bis die Mädels kamen. Heute schoss mit der Pausenklingel eine kleine Gruppe aus der Tür. – Sein Nachbar Christof trödelte. „Geh zu!“ sagte er zu Bernd. – Bernd fand Anschluss. Sie liefen schnell zum Pfarrhaus. Vor ihnen liefen die Ersten unter Bäumen hoch zur Binge.

 

Bernd wusste nur, dass dort Jahrhunderte lang nach Zinn gegraben wurde. Dann stürzte der Berg zwei Mal ein. Ein Krater blieb, genannt Binge.

 

Ihre Gruppe lief auf dem Kraterrand und ignorierte ein Verbotsschild. – Erstaunt schaute Bernd auf die wilde Gegend, den steinigen Kraterkessel mit den vielen Felsnadeln, den sanft hinabführenden Weg und den im Zentrum aufragenden Bergstock mit schroffen Felswänden. So mussten die Alpen aussehen. Doch Bernd konnte nicht ruhig betrachten. Seine Gruppe lief  den Kameraden nach. Sie erklommen einen Geröllhang und lagerten sich auf Steinen. – Nun sah Bernd den Bergstock. Kein Weg, nur Felsen, Respekt einflößend. Nie sah er Ähnliches.

 

„Was ist das?“ – „Das ist der Knauer“, antwortete Manfred. – „Und nun?“ – „Wir werden ihn stürmen.“ – „Da kommt man doch gar nicht rauf!“ – „Da – siehst du Harald und Paule? Achim klettert noch.“ – Bernd schaute ungläubig auf den Gipfel, sah sie und den Dritten sich über eine Felskante schieben. – „Sieben Wege gibt es auf den Knauer“, sagte Manfred wichtig. „Wir stürmen auf dem leichtesten und längsten.“ – „Stürmen?“, entfuhr es Bernd. – „Die oben verteidigen, werfen mit Steinen. Nicht gerade auf den Kopf, oben nur noch Grasbatzen. Hast Schiss? Ist nur für die Härtesten. Musst nicht mitmachen, bist ja unser Kleinster.“ Lauernd blickte Manfred. – Bernd sah sich um. Viele Jungen fehlten. Einige sah er am Kraterrand sitzen. „Na, geht dir der Arsch auf Grundeis?“

 

Felsen hatte Bernd nur am Pöhlberg gesehen. Aber dort kletterte niemand. – Nun saß er inmitten seiner neuen Klassenkameraden, die ihn neugierig beäugten. Er sollte auf Felsen klettern, die oben werfen mit Steinen, nicht gezielt, aber – schon der Anblick der Felsen machte mutlos. – „Von hier siehst du keinen Weg. Aber so schwer ist das nicht!“ – Er sah auf Manfred, sah auf die anderen. Er schloss: Das gab es schon oft. „Ist mal was passiert?“ – „Ach wo.“ – „Wir werfen nicht?“ – „Klar!“ – „Wann geht es los?“ – „Wenn sie winken!“

 

Manfreds Blick schweifte zu den anderen. „Seid ihr soweit?“

 

Bernd fiel das Herz in die Hosen. Noch nie erlebte er weiche Knie. Trotz stieg in ihm hoch: Feige bin ich nicht! Hinter Manfred reihte er sich ein.

 

Der letzte Grasbatzen war geflogen und abgewehrt. Schwer atmend standen Angreifer und Verteidiger zusammen.

 

Harald sah auf Bernd: „Du auch?“ – „Warum nicht?“ Bernd holte tief Luft. Seine Brust dehnte sich unter anerkennenden Blicken. So viel Ehre erlebte er noch nicht. Seine Augen schweiften in die Tiefe: So tief unten der Pfad – er fasste es nicht! Er stand inmitten der Mutigsten seiner neuen Klasse, begriff, dass er nicht der „Zugezogne“ blieb. Er hätte alle hier oben umarmen mögen. Er hielt sich zurück. Selbstbeherrschung ziert den Mann. Oft las er das in den Büchern der alten Kisten. Selbstbeherrschung adelt den Führer: Er verbirgt Leid, das zu zeigen ihn schwach macht in den Augen seiner Gefolgsleute, auch Triumph, der ihn überheblich, fremd werden lässt bei den Getreuen.

 

Er wollte nicht Führer sein, aber doch geachtet unter den Ersten. Noch nie konnte Achtung in den Augen Anderer lesen.

 

„Abwärts!“ sagte Paule. – Sie wollten nicht zu spät vor dem Kantor sitzen. Nie durfte auch nur eine Andeutung ihres gefährlichen Spiels die Erwachsenen erreichen. – Sie glitten die kleine Wand vor dem Gipfel herunter auf den Rundweg. Bequem laufen bis zum Abbruch, dort, eng an die Wand gepresst, fühlte jeder mit dem Fuß, halb drehend an die Wand geklammert, nach dem Stein, der wieder Halt gab. Man musste sich Zeit nehmen, genau gucken. Und nicht nach unten sehen! – Bernd zwang seine Augen weg von der Tiefe und zog sich aufatmend auf die andere Seite, wo Harald ihm die Hand reichte. Dann rutschten sie über den großen, runden Fels herunter. Sie stiegen über das Geröllfeld, sahen die Zuschauer vom Kraterrand aufstehen. Im Grund verfielen sie ins Laufen, rannten zum Pfarrhaus, sahen die Mädels in der Tür verschwinden und wussten: Sie schafften es. Nichts war passiert, kein Erwachsener wird etwas erfahren, wenn keiner petzt. Sie verwarnten den Stadtratssohn, der Form halber, sie sahen ja: Auf ihn war Verlass.

 

Die Stunde Christenlehre war so langweilig wie in Annaberg. Während der Kantor zwischen den Büchern der Bibel unterschied, raunte Harald ihm zu, dass sie morgen in die Binge gehen, er, der Paule, Manfred und Achim. Kommt er mit? – Klar, raunte Bernd, fand: Er ist angekommen.

 

Nach dem Essen wird er schauen: Kommt heute Lok 99 116, hat sie Güterrollis dabei? – Die Hausaufgaben erledigt er gleich. Heute lernten sie die Binomischen Formeln, mündlich – mündliche Hausaufgaben ignorierte er. Russische Vokabeln lernen, das erledigte sich nicht von allein. Die schaut er am Tag vorher an. Doch Russisch ist erst übermorgen.

 

Er wird sich deutscher Heldensagen widmen. Ein Gunter sah das Bild einer fernen Königstochter und verliebte sich total. Der ferne König schlug sein Werben ab, und Gunter wollte ein Heer von seinem Vater, sie mit Gewalt zu holen. Kann man sich in ein Mädchen auf einem Bild verlieben, zweifelte Bernd. Oder brauchte er nur einen Vorwand, das Land zu überfallen? Ach was, er war doch kein Schiedsrichter für olle Kamellen! Spannende Überfahrt, bald kommt die Landung.

 

Nach dem Essen tauchte Bernd in die Welt der alten Germanen. Am fernen Gestade hielt er Kriegsrat, siegte und zog vor die Königsburg. Von ihren Zinnen sah ihn die Königstochter und verliebte sich in ihn, wie er trutzig drohte auf edlem Schlachtross in schimmernder Wehr. Er eroberte die Burg, nahm sich die Königstochter und führte sie vor den Traualtar. Die Väter schlossen Frieden angesichts des Glücks ihrer Kinder und vereinigten ihre Reiche. – Bernd zweifelte und schlug den Zweifel nieder. Es war doch so schön spannend und ging gut aus. Dann sang er noch Kampflieder unterm Rathausturm und schlief ermattet ein.

 

* * *

 

Grau lastete der Himmel über Tal und Stadt, konnte sich nicht entscheiden: Regen oder nicht?    Bernd, den Schulranzen auf dem Rücken, schloss die Seitentür des Rathauses hinter sich, schaute hinauf in diesen Himmel, der wie er zu zweifeln schien, was der Tag ihm bringen möge. Die sieben Wege auf den Knauer wollen sie ihm zeigen, Paule, Harald und die anderen. Aber erst einmal war Schule angesagt.

 

Der neue alte Lehrer sah zu Christof und Bernd. Christof, der Sohn eines alteingesessenen Tischlermeisters, war vor Bernd der Klassenprimus. Nun lief der Stadtratssohn dem Handwerkersohn den Rang ab. Dabei war der Stadtrat ein Prolet. Er selbst ist bis fünfundvierzig Stadtrat gewesen. Da saßen nur feine Leute. Grobschlächtige SA-Emporkömmlinge bremste er damals aus. Nun war so ein naiver Prolet auf den Posten gespült worden, noch dazu von einer Partei, wo man keinen Proleten erwartete. – Seine Antipathie kroch vom Vater auf den Sohn. Er spürte und verbot sich das. Das verträgt sich nicht mit einem korrekten Lehrer.

 

Die Binomischen Formeln konnten nur die Beiden an der Tafel wiederholen. Christof sah auf Heft und Bank – wollte nicht. Bernd sah ihn an, also – Bernd.

 

Bernd schrieb sie an die Tafel und erläuterte. Aber er schrieb so flüssig, dass dem Lehrer Zweifel beschlich. Merkte Bernd sich das nur? Hat er auch verstanden? „Bist du dir sicher, dass das letzte Plus kein Minus sein muss?“ – Bernd war sicher. Immer sagten dann alle Lehrer: Setzen, Eins! Keiner fragte. War es doch falsch?

 

Er stockte. Dann schlich ihn an, dass in seinem Rücken neugierige Augen auf einen Fehler warteten. Er musste nachdenken und spürte leidvoll – er konnte es nicht, nicht unter diesen lauernden Augen. Er musste raten, sich nach anderem richten als nach Logik.

 

Wenn der Lehrer fragte, hat er einen Grund. Es konnte nur ein Fehler sein. Bernd nahm den Lappen, machte das Plus zum Minus.

 

„Du hast es so schön abgeleitet, Bernd. Geh noch einmal ruhig durch. Tust du das, bist du am Ende sicher. Ich möchte, dass du sicher bist.“

 

In Bernds Kopf wurden die Blicke im Rücken bohrend. Die Zeichen  fielen ihm auseinander. Er hätte davonlaufen mögen! – Stoß deine Meinung höchstens einmal um, einmal irren kann jeder, hörte er einen Helden aus seinen Büchern sagen. Ein falscher Entschluss ist besser als keiner. Doch schwanke nie! – Bernd sagte: „Minus muss es heißen!“

 

„Schade, Bernd. Es war alles so schön und richtig. Aber du hast es dir nur gemerkt, nicht begriffen. In der Mathematik gibt es nur richtig oder falsch. Eigentlich ist es also eine Fünf. Die hättest du im Leben. Hier in der Schule gebe ich dir eine Drei. Versuche, nicht nur zu merken! Ein gutes Gedächtnis ist viel, reicht aber nicht. Setz dich!“

 

Bernd erschrak. Die erste Drei in seinem Leben! Gott sei Dank nur mündlich!

 

„So ein Knauser“, flüsterte Christof. „Er brauchte doch nicht fragen! Auch so ist es wenigstens eine Zwei, ein falsches Zeichen bei so vielen!“

 

Christofs Solidarität tat gut.

 

Am Nachmittag lernte Bernd die sieben Wege auf den Knaur. Sie übten den zweitleichtesten. Sonst bevorzugten sie die Weg drei bis fünf. Sechs kletterten sie an ihren besten Tagen, Nummer sieben nur Manfred. Manfred war lang, gelenkig, lief am schnellsten hundert Meter, ein Sportler eben. Manfred kam nicht oft in die Binge. Das Klettern war nicht seine Sache, er fuhr lieber Rad und meist allein.

 

Harald und Paule fanden Bernd gelehrig. Sie sahen seine Angst, und sie sahen seinen Willen. Bald verabredeten sie sich nicht nur für die Binge. Sie bauten Wasserburgen im schlammigen Zufluss des „Großen Teiches“, sie badeten als Erste und letzte im Jahr, sie liefen zusammen Ski an den Hängen im Greifenbachtal. Nur über die selbst gebauten „Schneehuggeln“ sprang Bernd nicht mehr mit. Zu oft fiel er in den Schnee. Mutter konnte nasse Wintersachen „auf den Tod nicht leiden“. Er fror schnell, viel schneller als Harald, Paule und alle Anderen.

 

* * *

 

Sie wollten die letzten Badenden des Jahres sein. Der Weg war lang vom Großen Teich nach Hause, der Wind wehte kalt. Bernd musste eine Woche zu Hause bleiben. Als er wiederkam, vermisste er seine Schulgefährten.

 

„Die haben Kartoffelkraut zu Zigarren gedreht und geraucht“, sagte Manfred. „Nun liegen sie im Krankenhaus und wären beinahe gestorben. Die Hälfte haben sie nur geschafft.“ – Oh weh, dachte Bernd, ich hätte nicht zurückstehen wollen – vielleicht wäre ich gar tot! Er schwor sich heimlich: Ich rauche nie!

 

Im Sommer entwickelte er den ersten Film und fachsimpelte über Kameraperspektiven, Blenden und Belichtungszeiten. Bernd lebte in der neuen Gemeinschaft. Sie war nicht so bunt wie in Annaberg. – Buntes las er in den Heldensagen der Germanen, vom zum Grafen Luckner, dem Seeteufel im Ersten Weltkrieg, und von Wandervögeln, die durch Europa zogen. Karl May wünschte er sich. Den bekam er nicht. Trotzdem wusste er von Trappern, Indianern und den Pistoleros von Mexiko bis Arizona.

 

Mutter stöhnte oft, fuhr sie zu Sprechstunden oder Sitzungen. Er musste helfen, Schmerzen lähmten sie. Der Arzt sagte, das sei eine unbekannte Krankheit, die man zurzeit erforsche.

 

Er hätte jetzt gern Vater gefragt. Früher war Vater immer auf dem Schacht. Den gab es nun nicht mehr. Doch Zeit für ihn fand Vater trotzdem nicht.

 

Bernd unterschied jetzt die Kleinbahnloks am Schnaufen, wusste, wo die Lokführer Sand streuten in der weiten Kurve durch die Stadt. Die Eisenbahn pfiff hinter dem Haus. Bernd schien, ihr Pfeifen sei jetzt weiter weg als bei seinem Einzug.

 

Mai 2003       

23.11.2009