Der Pennäler

 

Werde – Ar ... m der Erde!

 

Die Einheimischen schienen keine hohe Meinung von ihrer Stadt zu haben. Werdau – die traditionsreiche Textilarbeiterstadt in Westsachsen, war schmutzig. Die Alliierten verschwendeten im Krieg keine Bomben. Zwar standen Rathaus und Marktplatz ganz ansehnlich, und die Häuser der Hauptstraße schauten vornehm auf das Kopfsteinpflaster. Aber wehe, man ging den „Brühl“ entlang! Dort wohnten kaum noch Leute.

 

Ende der zwanziger Jahre hatte eine sozialdemokratische Stadtverwaltung auf dem ehemaligen Stadtgut eine Arbeitersiedlung errichtet: zwei Familien pro Haus mit Garten. Das hat aufgehört mit der „Machtergreifung“. Der neue „Arbeiter- und Bauern-Staat“, wie sich die Obrigkeit jetzt nannte, baute mit dreigeschossigen Häusern weiter, Stein auf Stein, später würde man die Häuser „montieren“, sagte Vater. Vater wusste alles: von Werdaus Industrie, seiner Geschichte und was man plane. Das gehört zu meiner Arbeit, sagte Vater. Das Montieren der Häuser könne er sich nicht vorstellen, man werde sehen.

 

Bernd fand, es gab in Werdau schöne Mädchen. Oder fielen Mädchen ihm früher nie auf? Sein Blick schien sich zu schärfen im letzten, dem allerletzten Ferienlager.

 

Wie oft haben sie früher im Kreis gesessen, ein freier Stuhl dazwischen und ein Junge sprach: „Mein rechter, rechter Platz ist leer. Ich wünsche mir ... Brigitte her!“ Dabei wurde gezwinkert, festgehalten oder aufgesprungen. Es war ein Spiel. Dieses Jahr spielte sich das anders.

 

Dann folgte die letzte Nacht, die traditionelle Gespensternacht. Die Jungs tobten mit Taschenlampen unter weißen Laken durch den Schlafraum der Mädchen, die lustvoll kreischten, die Decke über sich zogen und doch hervorblinzelten. – Zwischen den vielen Huh´s und Hui´s zog ihn plötzlich die Karin in ihr Bett und küsste ihn auf den Mund.   

 

Die blonde Karin hatte ihn oft fangen wollen. Manchmal ließ er sich, manchmal riss er aus, versteckte sich gar. Manchmal rannte er ihr hinterher, und sie wusste nicht, was tun. Schwer atmend standen sie sich gegenüber – und nun?

 

Vor Karins Küssen unter der warmen Decke riss er aus. Ihr Flehen: „Bleib da!“ konnte ihn nicht halten, ein erstaunter Ruf aus dem Dunkel „Die schmusen ja!“ befeuerte seine Flucht.

 

Am nächsten Morgen standen sie inmitten ihrer Koffer. Karin stieg in den Zug nach Zwickau. Das war nicht weit, zehn Kilometer über den Berg, mit dem Fahrrad kein Problem. Vielleicht sah man sich wieder, vielleicht.

* * *

 

Sein Rückweg von der Oberschule führte Bernd durchs Stadtzentrum über die Pleißenbrücke. Vom Sternplatz hochsteigend, zog er erste Bilanz. Am ersten Tag hatten über dreißig Mitschülern in der Klasse gesessen. Enge, sie beklagten sich. Tag für Tag bröckelte ihre Zahl. Drei Wochen später waren Bänke und Stühle in der letzten Reihe frei. Sie schrumpften zu einer Jungenklasse, nur drei Mädchen hielten durch. Nur einmal erklärte der Lehrer. Jedes Wegsehen, jeder Witz des Banknachbarn, rächte sich sofort. Wiederholen nachmittags – früher von sich gewiesen, schloss selten Lücken. Die Drei als Eins des kleinen Mannes – der Trost galt nun auch für ihn. Doch aufgeben wird er nicht. Die Lehrer notierten keine Zensuren. Erst müsse sich Spreu vom Weizen trennen. Spreu wollte Bernd nicht sein.

 

Bernd ließ den Sportplatz hinter sich und lief die Stadtgutstraße hoch. Hier standen die ältesten Häuser, die Kneipe, der Fleischer und der Bäcker. Oben öffnete sich die Siedlung mit der flachen HO-Kaufhalle und den neu gebauten Häusern. In neuen Häusern zu wohnen, war Auszeichnung. Beim Einzug waren sie noch nicht ausgetrocknet. Keiner wollte warten, nicht der Aktivist aus dem Textilbetrieb, der ausgezeichnete Postarbeiter, der Kreissekretär der „Blockpartei“ oder Bernds Oberschuldirektor. Sie griffen zum Spaten und begrünten im „Nationalen Aufbauwerk“ ihre Umgebung, schrieben Stunden in ein „Aufbauheft“. Man wollte vorzeigen, was man unentgeltlich für den „Aufbau der antifaschistisch-demokratischen Grundordnung“ leistete. Große Worte für ein einfaches Verschönern – an die Marotte des neuen Staates war jeder gewöhnt.

 

So sah Bernd seinen Direktor zuerst mit dem Spaten. Er grub am Fußweg die Beete um. Bernd harkte, Mutter streute Grassamen, später sollten Blumenzwiebeln gesteckt werden.

 

Zur Eröffnung in der Aula hat Bernd über seinen Hausnachbarn gestaunt. Von Alexander von Humboldt sprach er, diesen Namen trug die Schule. Bernd lernte, was das ist: Eine Tradition – im Sinne eines Menschen zu arbeiten, der lange schon vorgedacht hat. „Die Penne“ verband er mit altem Muff. Doch da war einer alt und war es nicht.

 

Mutter wird zu Hause sein und das Mittagessen richten. Sie ist geheilt, sagten die Ärzte im Krankenhaus. Als Vater den Bau der HO-Kaufhalle bemerkte, streckte er Fühler aus. Vier Stunden wollte Mutter versuchen, saß an der Kasse, räumte Waren ein. Die Chefin richtete sich oft nach ihrem Rat. Mutter ist Abgeordnete geblieben, nun im Bezirk.

 

Alles hätte gut sein können, wenn sie sich nicht um Gerhard sorgen müssten. Gerhard heiratete Gerda. Sie fuhren nicht zur Hochzeit, denn die war in Kreuzberg.

 

* * *

 

Gerhard schrieb, dass er sich nicht als „politischer Flüchtling“ gemeldet hat. Dass einem Deutschen die Hand abfaulen möge, der wieder ein Gewehr anfasst – mit Wilhelm Piecks Wort hatte er sich gewehrt: kein Schießzirkel der FDJ, kein Eintritt in die „Kasernierte Volkspolizei“. Wilhelm Pieck half nicht, man nahm übel. Aber er will vor sich selbst ehrlich bleiben. Ihm ging es um Gerda, die Vorteile eines „politischen Flüchtlings“ wollte er nicht.   

 

Nun fuhr er im ganzen deutschsprachigen Raum herum, die Lieder seiner Verlage zu verkaufen. Nur, wo er herkam, das blieb ihm verschlossen. Bald kauft er ein Motorrad, die Bahn ist umständlich. In Köln, Frankfurt oder Wiesbaden wird ihre erste Wohnung sein.

 

Seine Briefe hat Mutter wie Stiche ins Herz gespürt. Er verwandte normale Worte seiner neuen Umgebung. Doch schon das Wort Ostzone stieß Mutter böse auf.

 

Als schlimmsten Schmerz hat sie empfunden: Ein fremdes Mädchen, nie gesehen, hat ihr den Sohn genommen, ganz und gar. Ein Flüchtlingskind aus Ostpreußen, die Eltern Hausbesitzer in Königsberg. Hass wuchs auf die unbekannte Schwiegertochter, ihre Eltern, den „Westen“ überhaupt. Wie sie drüben protzten mit ihrem „Wirtschaftswunder“ – dabei steckten ihnen die Amis Rosinen ins Maul! Hier lieferten sie treu und brav alle zweiten Gleise an die Sowjetunion als Wiedergutmachung – wo blieb da ein ehrlicher Vergleich!          

 

Nach solcher Rede ließ Vater Pausen vor seiner Antwort. „Ilse, sei nicht ungerecht! Trenne die Politik von der Familie! Der Junge weiß, was er will. Er hat Musikalienhändler gelernt. Deshalb zog er nach Leipzig und nach Berlin. Jetzt kommt er bis Zürich. Freu dich für ihn!“ – Schwieg Mutter, sprach er weiter. „Ilse, wir sind kleine Leute und ändern die Welt nicht. Der Junge hat sich nach seiner Decke gestreckt. Die führte ihn dorthin. Wir haben uns hier gestreckt. Es hat uns etwas hoch gespült, nicht geldmäßig, aber – du weißt schon. Wir können wieder sinken. Ich sehe, dass mancher in Ungnade fällt.“ – „Herrmann, deine Bescheidenheit in Ehren. Die Ideen dieses Staates sind gut. So wollte ich immer leben. Gerhard verrät sie.“ – „Zu große Worte, Ilse. Bleib auf dem Teppich!“

 

Bernd spürte die fremde Welt der Erwachsenen näher rücken.

 

* * *

 

Mit diesen Gedanken blickte Bernd auf die Kaufhalle und ging in ins Haus. Ein Zettel lag auf dem Küchentisch: Mach schon mal Eierkuchen!

 

Das sah Mutter ähnlich. Sie mehr als vier Stunden zu bezahlen, wollte sie ihrem neuen, alten Brötchengeber nicht zumuten, aber sie mutet sich Überstunden zu. Sah sie vom Küchenfenster „die Werktätigen an der Kasse Schlange stehen“, sprang sie über die Straße. „Für seine Ideale muss man auch umsonst arbeiten können“, sprach sie. „Dafür bezahlt mich die HO auch, wenn ich als Abgeordnete wirke.“ Vater und Bernd besaßen keine Chance.

 

Er schaute auf den Gasherd: Zwei Liter „Blaue“ im Milchtopf, leichte Haut obenauf, schon abgekocht. Mutter befolgte brav, was in der Zeitung stand. Da man nie wissen könne, ob die Milch aus einem TBC-freien Stall stammt, sollte man sie kochen. Klecks Margarine in den Milchtopf – Butter war dafür zu teuer – den Milchkocher aus Porzellan darauf. Dann goss sie vorsichtig die Milch auf das flache Porzellantellerchen, damit der Fettfilm nicht riss. Vor dem Kochen sammelte sich Dampf unter seinen Bögen, hob ihn an und ließ ihn klappern. Die Milch ward bewegt, man hörte das Kochen. Die Milch hielt länger und, selbst angesäuert, blieb sie noch für Eierkuchen geeignet.

 

Bernd hätte gern einmal frische Milch getrunken. Abgekochte Milch schmeckte nicht.

 

Er zündete die Gasflamme, nahm einen kleinen Topf, goss wenig Milch hinein, füllte Mehl auf. Kurz mit dem Quirl gerührt. Er zündete die übrigen drei Flammen, holte Tiegel, gab einen Klecks Margarine hinein – Butter ist zu teuer – und quirlte weiter. Als ihm die Masse richtig schien, freute er sich der Fettfläche in den Tiegeln, der richtigen Temperatur der Milch und gab das Angerührte hinein, vorsichtig, dass es gleichmäßige Konsistenz erhielt. Kurzes, prüfendes Umrühren und dann ausgießen, zuerst in den großen Tiegel. Er nahm ein Messer, schaute beim größten Tiegel unter die fest werdende Masse. Nun wenden.

 

Bernd empfand Vergnügen, wenn alles klappte. Schnell wuchs ein Stoß Eierkuchen. Ein zweiter Teller obenauf lies sie warm bleiben.

 

Mutter trat in die Küche. „Du bist schon fertig?“ – „Klar. Hat geflutscht!“ Teller auf den Tisch, Eierkuchen darauf, Apfelmus darüber, er bediente Mutter. Sie ließ es zu, wie  schön!

 

Doch Mutter würdigte seinen Einsatz nicht. Abwesend sagte sie: „So geht es nicht mehr weiter.“ – Bernd sah auf: „Was?“ – Dass Undank der Welt Lohn sei! Hat doch die HO die kleinen Milchflaschen eingeführt mit Pappdeckel und Strohhalme aus Plaste, ideal für Bauarbeiter. Und nun fehlen jeden Tag vier von ihnen und sechs Brötchen.

 

Bernd erinnerte sich. Früher gab es nur großen Milchkannen. In Viertel- und Halblitermaßen haben die Verkäuferinnen die Milch herausgeholt und in Krüge gegossen. Das waren jetzt nicht mehr gestrichene Gasmaskenbehälter. Marken gab es keine mehr, zu essen genug, ab und zu gar zwei, drei Apfelsinen oder auch Bananen, selten und zugeteilt, aber immerhin. Nun auch Milch in Flaschen. Vor sechs kamen Milch- und Brotfahrer, stellten die Tagesmenge vor die Kaufhalle. In der Straße rückten die fertigen Häuser voran. Die Schicht der Bauarbeiter begann um sechs. Klarer Fall.

 

„Ich rede mit der Friedrich vom Erdgeschoss, die ist den ganzen Tag daheim, und mit der Grossmann gegenüber, die muss erst nachmittags ins Krankenhaus. Du ziehst deine Kombi von dieser komischen Gesellschaft an ...“ – „Gesellschaft für Sport und Technik“ – „... das sieht eindrucksvoller. Wir fangen ihn morgen.“ Bernd blieb der Mund offen stehen. Mutter erläuterte: „Du hockst dich hinter die Mülltonnen und guckst durch die Ritzen. Aus dem Fenster der Friedrich hängen wir eine Schnur. Du ziehst, wenn er klaut. Wir stürmen hin. Ihr haltet ihn fest. Ich gehe in die Kaufhalle und rufe die Polizei.“

 

Verrückt, seine Mutter als Milchdiebjäger! Was fällt ihr noch ein in ihrem Kampf für Ordnung und Ehrlichkeit?

* * *

 

Am nächsten Morgen hockte Bernd hinter den Mülltonnen, fand: Man kann ihn sehen. Mutter wollte davon nichts wissen.

 

Drei müde Morgengestalten kamen die Straße herauf. Von allen fühlte er sich entdeckt. Als er in die Schule fuhr, prüfte Mutter: nichts geklaut. Also, morgen auf ein Neues.

 

Es regnete dünn. Nasswerden vor der Schule geht nicht, entschied Mutter. So hockte Bernd mit den Frauen im Badezimmer. Sie ließen die Kaufhallentür nicht aus den Augen.

 

Die Frauen sahen den Dieb und wollten es nicht glauben. Da sprang Bernd schon durch die Türen. Der Dieb verstaute die Brötchen und griff nach den Milchflaschen. Bernd sah fassungsloses Erstaunen. Nein, gefährlich schien der nicht in seiner grauen Maurerkluft.

 

Mutter öffnete die Kaufhalle, sie drängten ihn hinein. Sie griff zum Telefonhörer. Dann entließ sie Bernd. „Ab in die Schule! Sie sind gleich da.“

 

Am Abend traf sich das halbe Haus bei Schmidts im zweiten Stock. Herrn Schmidts Steckenpferd hieß „Rafena“ und war der erste Fernseher. Er lud jeden Abend zum Gucken und erhielt eine Siegesfeier gratis mit Rosentaler Kadarka und Nordhäuser Doppelkorn. Er verkündete, bald den nächsten Fernseher zu haben, doch Grossmanns und Friedrichs wollten das auch. Da schaute Herr Schmidt traurig. Er hoffe doch, dass die Geselligkeit im Hause bleibe.

 

Bernds Schnelligkeit und Mut wurden ausgiebig gewürdigt. Was tat er schon? Entschluss und los, wenn der sich nicht wehrte, ist das nicht sein Verdienst! Doch selbst sein Direktor Grossmann klopfte ihm auf die Schulter.

* * *

 

Sie nannten ihn nur „Pi“.

 

Mit der Klingel trat er ein. Sein „Freundschaft!“ und die Erwiderung der Klasse beendete er mit „Setzen!“ Er nahm das locker. Nachlässigkeiten schliffen sich ein.

 

Eines Tages verblüffte er sie. Nach dem „Setzen!“ erklärte er übergangslos, dass es im menschlichen Zusammenleben Regeln geben müsse. Völlig gleich sei, ob sie „Seid bereit!“, „Freundschaft!“ oder „Guten Morgen!“ sagten. Ein Ritual muss sein, die Arbeit einzuleiten. Das helfe. Schon Alexander von Humboldt habe über Rituale der Indios in Südamerika nachgedacht. Diesem Staat, der ja alles umkrempeln wolle, rechne er hoch an, dass er uralte, bewährte Rhythmen des menschlichen Zusammenlebens nicht antaste. Er sei kein Freund von Pädagogen, die den Klassenverband sprengen, das Aufstehen beim Antworten als Form der Unterdrückung beseitigen wollen. Natürlich, pensionierte preußische Feldwebel schufen als Lehrer das erste deutsche Schulsystem. Aber nicht alles Preußische sei schlecht. Preußen schaffte den Humboldt-Brüdern die Universität, habe mit Pflicht und Verantwortung zu tun, das sei auch heute nötig. Er sprach lange. – Sie staunten, wie einer in wenigen Minuten so große geistige Bogen schlagen konnte und alles „aus der Kalten“. – Dann griff Pi in seine obere Hemdstasche, holte einen Zettel heraus und schaute – Inhalt seiner Stunde.

 

Bei der Radiusberechnung begann er, die erste wirkliche „Natürliche Zahl“ zu erläutern und zeigte ihnen, wie dieses geheimnisvolle „Pi“ beim Schütteln und Teilen von Sandkörnern zu erkennen sei. Als sie in diese Zahlenwelt eindrangen, verblüffte er sie wieder. Das sei ja nur die erste, leichteste, da gebe es noch „e“, die habe mit Umdrehungen zu tun und den „Elektronenspin“. Aber das käme erst mit der Physik der elften Klasse.

 

In jedem Fach erlebten sie ihn. Pi war nur zehn Jahre älter als sie und einer der ersten „normal“ ausgebildeten Lehrer. Er gab auch Sport, war aktiver Leichtathlet und fuhr als auserwählter Zuschauer zu den Europameisterschaften nach Stockholm.

 

Bernd war immer unter den schwachen Sportschülern. Im neuen Tausendmeterlauf gehörte er nicht zu den Letzten – ganz ungewohnt. Der drahtige Pi sah, wie sich der Kleinste seiner Klasse mühte. Es könnte lohnen, dort einzuhaken. – Bernd soll zum Training kommen.

 

Er dachte nach. In der Stadtgutsiedlung wohnte niemand seines Alters. Seine Klasse strebte nach Schulschluss auseinander. – Er ging zum Training und wollte nicht Anfänger bleiben. Sonntags stand er zeitig auf, lief mit Turnhose und Hemd zum Sportplatz hinunter, lief tausend Meter gegen die Armbanduhr, zwang sich zum Endspurt. War immer unzufrieden. Doch dann schlug er Dieter – sein erster, richtiger Sieg!

 

Dieter war die Sportskanone ihrer Klasse. Er wiederholte spielerisch alle Übungen und gab Hilfestellung. Da war noch etwas. Eines Tages stand ein blondes Mädchen gegenüber der Schule. Anzügliche Worte fielen. – „Hey, hey!“, rief Dieter halb drohend, ging auf das Mädchen zu und küsste sie auf beide Wangen. „Meine Freundin“, sagte er am nächsten Tag. „Seit Langem schon.“ Er protzte nicht, versteckte nichts. Dieter ruhte in sich selbst.

 

Hans diskutierte gern mit dem Physiklehrer. Wolf erkannte Ableitungen in Mathematik, bevor die Beweisführung an der Tafel stand. Klaus verglich Formulierungen von Goethe und Schiller aus Schulstunden, von denen die anderen gar nichts mehr wussten. Wolfgang war zuständig für die neuesten Witze. Und sie hatten einen Primus. Jürgen stand an der Spitze, als ihnen Pi nach drei Monaten den Leistungsdurchschnitt an die Tafel zweckte. Später wurden ihre Abstände geringer. Sie fragten sich: Machen das die Lehrer oder ist das wirklich so? – Jürgen interessierte das nicht. Der erste Vergleich überraschte ihn selbst. Half ihm seine Herkunft aus einer alten Arztfamilie? Sie erschwerte seinen Wechsel auf die Oberschule – Arbeiterkinder wurden bevorzugt! Er war doch wie alle. Nein, ein Primus wollte er nicht sein.

 

Noch ein Ereignis dieses ersten Jahres fand Bernd bedeutend. – Die junge, blasse Musiklehrerin hat eine Hausaufgabe gestellt: Ein Lied aussuchen und lernen. Vorsingen, so ein Quatsch. Bernd erinnerte sich seines abendlichen Zeitvertreibs unterm Rathausturm und wählte ein Kampflied. Die Lehrerin fragte nach einem Chor. Bernds Entrüstung ließ sie schweigen. Einen geschlossenen Brief gab sie ihm.

 

Am Abend hat ihn Vater gelesen. Er erinnerte sich seines Fanfarenzuges und begann, vom Soldaten zu singen am Wolgastrand, auf Wache für sein Vaterland. „Da gehst du hin, das lässt du dir nicht entgehen!“ – Bernd staunte. – Vater erzählte aus seiner Jugendzeit, den Richard Tauber höre er heute noch im Ohr. – Singen blieb ihm Wunschtraum. Wenn die Lehrerin meine, er habe Talent, habe er zu nutzen. Vielleicht wird ein Beruf daraus. Das sei schließlich einer der schönsten. Sofort schrieb er die Antwort.

 

Dann fangen wir morgen an, meinte die junge Lehrerin und drückte ihm ein Notenblatt in die Hand. Auswendig lernen brauche er das nicht, das geschehe beim Üben, die Melodie sei das Schwere.

 

Das verwunderte Bernd. Bisher hörte er jede Melodie einmal, und sie saß.

 

Die blasse Lehrerin spielte am Flügel die erste Passage, er wiederholte fehlerfrei. Doch nach der dritten Folge begann sie zu verwehen, wie waren nur die Töne? Beim zweiten Versuch reichte die Luft nicht! Verwundert, manchmal hilflos, sah er in das Gesicht der Lehrerin, die gar nicht mehr blass aussah. Konzentration und Willen spürte er.

 

Nach der Probe klopfte sie ihm auf die Schulter. Sie werden es schaffen bis zur Aufführung, dann mit dem Chor im Hintergrund. Er stelle sich gut an.

 

Als er es zu Hause allein versuchte, fand er sich erbärmlich. Vom Text saß gerade ein erstes Stück, die Melodie war halb vergessen. Tat die Lehrerin nur so, oder wusste sie es wirklich besser? Ihre List erkannte er. Mit Eifer tat er, was er nie wollte – bemerkenswert.

 

Zu den letzten Proben erschien ein junger Mann, den sie ihren Verlobten nannte. Er sei Musikstudent, werde ihm den letzten Schliff geben. Er sprach von Synkopen, den Dreiklängen und wie das im Tongefüge funktioniere. Bernd wehte etwas von Pis Mathematik an. Er ahnte, dass mit der Musik eine neue Welt aufging, wenn er sich ihr nur öffnen wolle.

 

Mehr noch sah er eine andere Verwandlung. Die blasse, unscheinbare Lehrerin hatte er konzentriert werden sehen mit dem Willen zum Erfolg im Gesicht. Jetzt sah er sie wieder anders, wenn sie mit ihrem Verlobten Blicke tauschte, leuchtete dieses Gesicht, erschien ihm jetzt schön. Diese Schönheit blieb in sich gekehrt. Man sah sie erst auf den zweiten Blick.

 

Er suchte lange, fand den Bogen zu Shakespeare. Sein Schulfreund Klaus fasste damals salopp zusammen: Wir sollen also lernen: Kommt der richtige Romeo, wird jedes Mädchen zur Julia, und alle sehen es. Die Deutschlehrerin reagierte pikiert. Die Worte waren spöttisch vorgetragen, Unglaube deutlich – halbstark eben.

 

Bernd sah: Es stimmte. Und dass es lohnen könne, dafür zu leben. Alles, was dazwischen lag, fand er, sei doch nur Tändelei. Was er dort sah zwischen den Beiden, die sich am Flügel abwechselten, ihn zu lehren – das will er erleben.

 

Wenn es soweit ist, wird er jeden Einsatz dafür leisten. Wann wird das sein?

 

Bei der ersten Aufführung beeindruckten ihn die scheuen Blicke der Mädchen von der letzten Chorreihe. Er ging in Gedanken die schwierigen Stellen durch und fühlte sich gestört. Endlich sahen die Mädchen nach vorn. Der Chor beendete sein erstes Lied.

 

Er ging durch die Gasse nach vorn und erinnerte sich Manfreds Worte in den Felsen der Binge – so lange her: Denke an den nächsten Griff, nichts anderes!

 

Vorspiel, Ton zum Einsatz, er hörte nur den Ton, dann sich selbst und staunte über den Beifall. So viel stand ihm doch gar nicht zu. Leisteten Lehrerin, ihr Verlobter, seine Eltern nicht mehr als er, der das doch gar nicht wollte? Linkische Dankesgesten, schnell ging er ab.

 

Mitten in der Nacht ist Bernd munter geworden. Die Sterne fielen aus schwarzer Klarheit silbern durch das weit offene Fenster. Nur langsam begriff er, dass er nicht in der Binge stand – Manfred, Harald und Paule gegenüber.

 

Nun war er Solotenor, siegte bei manchem Lauf. Bernd sah sich geachtet von den Ersten. Wo waren die Führer? Man braucht sie wohl gar nicht, die Helden seiner ersten Leselust? Im wirklichen Leben erobert man keine Burgen und keine fremden Königstöchter. Friedlicher geht es zu, trotzdem spannend und – schöner.

 

* * *

 

In der letzten Augustwoche saß Bernd am Fenster eines S-Bahnwagens, neben ihm eine beherrschte Mutter, gegenüber Vater, den die Anspannung nicht änderte. Am Bahnhof in Potsdam nahm ihn Vater beiseite. Es sei besser, er merke sich nicht die Linie, das Umsteigen. Was man nicht weiß, darüber kann man sich schlecht verplaudern, das verstehe er doch.

 

Umsteigen in die U-Bahn. Gewohnheitsmäßig erfasste er das lange Schild auf dem Bahnsteig und ermahnte sich, es zu vergessen. Blöd. Wie schwer fiel es seinem geradlinigen Vater? Er tat es für Gerhard, für den Zusammenhalt der Familie.

 

Mutter hatte nichts von diesem Treffen wissen wollen. Gerhard schrieb, er würde auch ein Hotel bezahlen, wenn sie nur miteinander reden. Doch Mutter kippte, wollte es wohl, fand eine bessere Lösung. Ihre Schwester lebt in Potsdam. Von dort werden sie nach Kreuzberg fahren – zu Schwiegertochter und Schwiegereltern, den Hausbesitzern aus Königsberg.

 

Das Abenteuer Westberlin ließ sich nicht aufregend an. Zwei gelangweilte Kontrolleure, Fahrt durch viel Grün, dann die Schwärze des U-Bahn-Tunnels. Es wurde heller, die Strecke hob sich, verlief auf Stelzen. Bernd blickte in den Hinterhof der Stadt. In Berlins Mitte bietet keine Strecke eine schöne Aussicht.

 

Kreuzberg. – Da steht Gerhard. Die Frau neben ihm muss Gerda sein. Die Eheleute daneben sind Ilses und Herrmanns Altersgefährten. Hinten auf dem leeren Bahnsteig warten sie. Das ist klug. So sehen sie sich auf den letzten Metern, müssen aufeinander zu gehen. Bernd sieht, alle tragen ihr Sonntagsgesicht. Da sind Menschen, die sich verstehen wollen.

 

„Das Wetter ist heiß heute in Kreuzbergs Straßenschluchten.“ – „In Werdau auch. In Potsdam ist es frischer.“ – „Das machen die Seen und Parks. Wir sind früher gern dorthin gefahren. Nun geht das nicht mehr. Wir leben ja auf einer Insel, umschlossen von feindlichem Meer.“ Der fremde Vater stockt erschrocken. Er lacht etwas gequält. „Bitte nicht persönlich nehmen. Wir sind ja alle zusammen nur kleine Leute und müssen ausbaden, was die Großen verzapfen. Wenigstens Sie können kommen. Wenn auch kein Mensch weiß, wie lange noch.“

 

Bernd überlegt: Dieser Mann kann nicht wissen, was die Abgeordnete und den Kreissekretär der Blockpartei erwartet, bekäme in Werdau jemand davon Wind. Sie hatten das Wagnis lange bedacht, trösteten sich: Wenn sie schon ungeschriebene Gesetze übertraten, trieb sie löbliche Absicht. Eine Mutter will ihren Sohn zurückholen. Ist das kein ehrbares Motiv?

 

Bernd verpasste, wie man die Klippe umschiffte. Dieses Gespräch gehört zur Welt der Erwachsenen. Er gehört noch nicht dazu. Vom „Goldenen Westen“ will er etwas sehen, vom „Wirtschaftswunder“ – und sah nur ein verlagertes Werdau mit U-Bahn-Anschluss.

 

Das Haus ihrer Gastgeber roch säuerlich. So rochen Mietshäuser in Leipzig.

 

Im Wohnzimmer stand der Kaffeetisch. Eine abgerundete Kredenz aus schwerer Eiche, polierte Türen, der Aufsatz zurück gesetzt mit einer verzierten Glasscheibe in der Mitte, damit das Prunkgeschirr zur Geltung kam, blieb Blickpunkt. Dann sah er den zweiteiligen Bücherschrank und die Polsterecke mit Sofa und Sessel.

 

Bernd wunderte sich. Er hatte neumodisches Möbel erwartet, Nierentisch und Tüten als Stehlampen und an den Wänden. Schließlich sind sie im Westen. Doch das hätte ihr eigenes Wohnzimmer sein können, oder das von Obersteigers. Die Alten sind wohl alle gleich, ob sie aus Oberschlesien, Leipzig oder Königsberg kommen.

 

Staunend sah er, wie Mutter mit der Schwiegertochter umging. Gustl in Annaberg hat sie viel schlechter behandelt. Gerda entsprach ihrer Vorstellung von einer gut erzogenen, jungen Dame. Bei Tante Leni in Potsdam räumte sie später ein, dass das Mädel ja nichts dafür könne. Wo die Liebe hinfällt, fällt sie hin. Diese blöde Grenze ist das Übel, sie wolle nicht ungerecht zu dem Mädel sein.

 

Alle Zeichen standen auf Versöhnung. Bernd wandte sich Dietmar zu. – Ein Gymnasiast, so sagt man hier für Oberschüler. – „Ich zeige ihm Kreuzberg, eine Wechselstube.“ – Nicken. Es ist gut, wenn die Jungen sich beschäftigen.   

 

Dietmar war einen halben Kopf größer und eine halbe Schulter breiter als Bernd. Am liebsten trug er Jeans. –  Vereinzelt trugen sie Altersgefährten, die „Westpakete“ bekamen.

 

„Ach ja“, sprach Dietmar. „Die setzt man hier von der Steuer ab.“ – Das verstand Bernd nicht. – Sie selbst betrifft es nicht. Sie kennen niemand in der Zone. Was denn die FDJ so mache, von der erzähle man hier Wunderdinge?

 

„Langweilige Versammlungen um Zensuren und Aufbaustunden, nächstes Jahr eine Tanzstunde. Eine richtige Tanzschule ist für die meisten zu teuer. Bei der GST ist mehr los.“ – „Was ist das?“ – „Heißt Gesellschaft für Sport und Technik. Dieses Jahr haben wir mit Luftgewehr und Kleinkaliber geschossen. Im nächsten Jahr lernen wir Motorrad fahren.“ – Sei das nicht teuer? – „Kostet nur den Mitgliedsbeitrag. Zum Sprit zahlen wir zu. Verteilt sich über zwei Jahre, das merkt man kaum.“ – Ob das alle können? – „Nur die Aktivsten, aber ich bin dabei.“ – Wer das auswähle? – „Die Lehrer. – Muss ich dir ein Ding erzählen: Kurz vor Jahresende kommt Pi, unser Klassenlehrer und sagt: Zur Verbesserung der gesellschaftlichen Arbeit hat der Pädagogische Rat beschlossen, ein FDJ-Aktiv zu bilden. Er nennt Namen und alle staunen, wo die Namen herkommen. – Da bin ich aufgestanden. Wo es das gibt, dass Lehrer ohne Wahl bestimmen? Was sollen die überhaupt machen? Da eiert er rum, und ich sage: Könnte ich ja auch dabei sein? – Sicher, antwortet er, was würdest du tun? – Eine Klassenmeisterschaft im Fußball organisieren. – Na, dann kommst du ins Aktiv.“

          

„Du spielst Fußball?“ – „Eigentlich nicht, ich mache lieber Leichtathletik.“

 

Da steht die Wechselstube. Ein schäbiges Haus wie alle Häuser hier, ein kleiner Laden, bunt, mit vielen roten Schriften und Zahlen, erinnerte er an einen Toto-Lotto-Laden daheim. Der Umtauschkurs sprang ins Auge: West Eins zu Fünfkommadreizehn Ost.

 

„Sag mal, Dietmar, weißt du, wie der zustande kommt?“ – „Nee, da rätseln alle. Der ist jeden Tag anders und jede Wechselstube hat ihn anders.“ – Ein Mann mit Baskenmütze kam über den Bürgersteig, stieg die zwei Stufen hoch und verschwand darin.

 

Bernd dachte an Mutters Worte, als die Notenbank alle Geldscheine umtauschte. – Endlich ein Schlag gegen die Westberliner Wechselstuben! Holen uns das Geld aus der Wirtschaft, die Westberliner kaufen bei uns billiger und leben auf unsere Kosten. Nun ist ihr eingetauschtes Geld futsch, sagte sie befriedigt. Und sie erklärte es jedem, der über den Umtausch schimpfte. Half auch jeder Oma, die ängstlich fragte: „Was mache ich mit dem Geld, wenn ich mehr als dreihundert Mark habe?“ Mutter fragte nach dem Konto oder richtete ihr eins ein. Sie soll warten, bis es in der Zeitung steht. Sind neue Scheine gedruckt, kann Oma abheben. Ihre Umtauschkunden sind beruhigt. Mutter freute sich, ein gutes Werk zu tun, denn sie schützte die Wirtschaft des Arbeiter- und Bauern-Staates, schadete den Machenschaften der Wechselstubenbesitzer. Das überleben die nicht. – Ein Trugschluss, wie Bernd sah.

 

„Sag mal, Dietmar, wie war das nach dem Geldumtausch? Da war doch ihr Geld futsch!“ – „Die hatten zwei, drei Tage zu. Dann war alles wieder wie vorher.“

 

Der Mann mit der Baskenmütze verließ den Laden. Andere kamen, gingen. Kein Andrang, keine Aufregung, normal schien hier, was Mutter so ärgert.

 

Bernd wollte ein Kino sehen. „Gibt es bei euch auch so etwas wie die FDJ?“ – Dietmar hat von Pfadfindern und Christlichem Verein Junger Männer gehört. Hier brauchen sie so etwas nicht. An jeder Ecke gibt es in Kreuzberg eine Clique. Keine organisierte Sachen. Er wolle frei sein, das ist besser. – „Aber ich bin doch auch frei“, protestierte Bernd. Er muss ja nicht hingehen. Aber es lohnt sich. Er kann seine Fotos selber entwickeln, dank der Pioniere. Vor kurzem fuhren sie mit Zelten von der FDJ und der GST zur Klassenfahrt, bald lernt er Motorrad fahren – ist doch nicht schlecht, wenn etwas los ist. – Dietmar schwieg. Nun standen sie vor dem Kino. – Bernd sah den Colt schwingenden Cowboy, die Vorschau für ein Seegefecht und die Nutte mit dem Gangsterboss. Das gab es nicht im Osten oder doch – schaumgebremst, würde er sagen. „Gehst du oft ins Kino?“ – „Drei Mal die Woche, mindestens. Kommt darauf an, was meine Alten an Taschengeld rausrücken. Sie sagen, es richte sich nach den Zensuren. Ich glaube aber, es fällt ihnen ein -  mal so, mal so.“

 

Taschengeld war Bernds wunder Punkt. Mutter gab ihm eine Mark fürs Kino. Sperrsitz kostet fünfundachtzig Pfennig, sagte sie. Wollte er in den Rang für eine Mark fünf, musste er sparen. Ist er sechzehn, will Mutter über einen festen Betrag nachdenken. – Das Thema vermied er lieber. „Warst du weg in den Ferien?“

 

Dietmar schwärmte von der romantischen Zugfahrt über die Alpen, den italienischen Mädchen. Bisher reichte ihr Urlaubsgeld höchstens bis an die Nordsee. Nur die Grenzer der Zone störten mit ihren schikanösen Kontrollen. Aber das seien sie vom Interzonenzug gewohnt.

 

Dazu schwieg Bernd und fragte, ob Dietmar in kein Lager fahre. Er ist jedes Jahr gefahren. Mit den Eltern war er nie weg. Ein Sonntagsausflug reicht. Dieses Jahr arbeitete er drei Wochen in einer Textilfabrik als Hilfsarbeiter für neunundsiebzig Pfennige die Stunde. Von dem Geld kaufte er ein Sportrad für dreihundertsechzig Mark. Vater hat noch etwas dazu gelegt.

 

Von solchen Lagern wusste Dietmar nichts. Während der Ferien arbeiten, nein, das sei eines Gymnasiasten nicht würdig. Er fahre mit den Eltern in den Urlaub fahren und ziehe sonst mit der Clique rum. Berlin ist groß genug. Es gibt alles, vom Strandbad bis zur Nachtbar. Doch in die Nachtbar wird man noch nicht reingelassen. Leider.

 

Wieder säuerlicher Geruch des Treppenhauses, Schritte – Gerda. „Wo bleibt ihr denn?“ – Dietmar staunte. – „Tu nicht so unwissend! Das erste Gespräch sollte nicht zu lang sein.“ – Sie gingen die Treppen hoch. – „Habt ihr euch beharkt oder umarmt?“ – „Ach Dietmar, Versöhnungen brauchen Zeit, musst auch Gerhards Eltern verstehen. Das lernst du noch.“   

 

Aufbruchstimmung in der Wohnung, Abschiednehmen allerseits. – Bernd sah in alle Gesichter. Fremdheit wich. Gerda und Gerhard schienen erleichtert. Mehr konnte er nicht deuten zwischen Händeschütteln und Türenklappen.

 

Die Eltern wollten mehr sehen als das hässliche Kreuzberg. Die U-Bahn war hier eine Hochbahn und fuhr bis zur Endstation im Osten. Sie liefen zur Stalinallee, die nicht mehr so hieß, aber Volksmund ist langsamer als Umbenennungen. – Die neue Prachtstraße beeindruckte sie. Doch die Ruinen in den Seitenstraßen flüsterten: Auch in Berlin kocht man nur mit Wasser.

 

Bei der Rückfahrt verloren die Eltern kein Wort. Bernd maulte: „Ich will wenigstens einmal mit Gerhard allein reden.“ – Kurz vor dem Aussteigen sagte Vater: „Übermorgen fahren wir zum Abendessen, bleiben über Nacht. Da wirst du Gelegenheit finden.“

 

* * *

 

Bernd schlief unruhig. Er lag in Dietmars Bett, der mit seiner Clique am Wannsee zeltete. – In der Nacht hörte er laute Stimmen, Türen schlugen. Am Morgen träumte er von zwei Menschen im Moor, die aufeinander zu liefen, sich im Nebel nicht fanden. Mühsam holte er sich aus dem Traum.

 

Warm war es unter dem schweren Federbett. Er warf es ab, lauschte auf Geräusche in der fremden Wohnung, hörte nichts, traute sich nicht, die Toilette zu suchen. Warum erwachte niemand, klappert kein Geschirr? Schon halb acht und immer noch kein Lebenszeichen.

 

Ja, war er denn verlassen in dieser fremden Wohnung? Er lauschte an der Tür, wo Gerda und Gerhard schliefen. Das war nicht seine Art, doch er musste etwas tun. Leise hörte er eine beruhigende Stimme, Gerhard. Es war also jemand da in dieser stillen Welt. Verstehen konnte er nichts. Ihm schien, stilles Weinen schluchzte hinter der Tür, unterbrochen, und Gerhard übertönte es von Zeit zu Zeit. Wo die Eltern schliefen, wusste er nicht. Die Küche findet er.

 

Verwundert sieht er die gedeckte Kaffeetafel. Am Herd sitzt still Gerdas Mutter. – Müde blicken ihre Augen, grau wirkt ihr Gesicht. Große, stille Trauer weht in an.

 

„Guten Morgen!“ – „Morgen!“ stöhnt sie gequält. „Das ist kein guter Morgen, Bernd.“

 

Er sieht auf die Frau. Sie war mit Dietmar und Gerda übers Eis der Kurischen Nehrung aus Königsberg geflüchtet. Sie hatten Glück, die Flieger verfehlten sie. Tiefe Falten grub ihr das Schicksal in den Hals, in die Wangen. Sie sah älter aus als Mutter.

 

„Bernd, es lief alles schief. Wir bedauern das sehr. Sag das deinen Eltern, wenn ihr weg seid. – Und jetzt hole sie. Von allein werden sie nicht kommen. Sie schlafen im Wohnzimmer. Aber – sie werden auch nicht geschlafen haben.“

 

Sie trug eine Küchenschürze, wie alle Frauen ihres Alters, über einem braunen Hauskleid mit einfachen Borten. Er bemerkte die Kraft, die von ihr ausging trotz gebeugten Rückens. Sie erinnerte ihn an die Leipziger Trümmerfrauen. Auch Mutter war Trümmerfrau. Sie schienen sich so ähnlich, seine Mutter und diese Frau. Und doch musste sie Wichtiges trennen.

 

„Ich geh jetzt, meine Leute holen.“

 

Die Eltern saßen angezogen in den Sesseln, ihre Gesichter grau und müde.

 

Bei Tisch fielen kaum Worte. Gesten betonten Rücksichtnahme. Bernd forschte in den Gesichtern. Er spürte, wie weit er noch entfernt war von der Welt der Erwachsenen. Nur in Mutters Gesicht glaubte er, lesen zu können. So schaute sie, wenn sie sich im Recht glaubte und eine Diskussion gewann – die anderen ihr nicht mehr widersprachen. Das war nicht alles, ein neuer, bitterer Zug um ihren Mund. Brachte ihr der Sieg keinen Gewinn?

 

Bernd fragte nicht nach Gerhard. Nach dem Frühstück nahm man Abschied. Sie finden den Weg zum U-Bahnhof allein, sagten die Eltern. Bernd wehte leises Grauen an. – Erst kurz vor Potsdam wagte Bernd, den Auftrag von Gerhards Schwiegermutter zu erfüllen.

 

Vater sah ihn lange an und blickte dann zu Mutter. „Wenn der Zufall sie nicht nach Kreuzberg, sondern nach Friedrichshain verschlagen hätte, wäre gar nichts. Es sind Leute wie wir.“ – „Nein, Hermann. Es sind Hausbesitzer, angeblich. Die denken anders, denken an Besitz, jammern um Verlorenes.“ – „Ach Ilse, du willst die Welt verändern. Du kannst sie nicht ändern. Aber du kannst daran kaputt gehen. Ich habe Angst um dich.“

 

„Man muss aber die Welt ändern.“

 

Die S-Bahn ratterte durch grüne Vorstadtwälder. War das noch Berlin oder schon Potsdam? Die Kontrolleure, fiel Bernd ein, die Kontrolleure fehlten noch. Also sah er auf Berliner Büsche, Westberliner Bäume. Zum letzten Mal. Niemand kann er das erzählen. Wie eine Wechselstube aussieht, dass es in Westberliner Läden keine Lücken in den Auslagen gibt. – Dabei wussten das alle. Nur – dass er das auch selbst gesehen hatte, das durfte keiner wissen. Also vergaß er es lieber, will daran denken, was vor ihm lag – die Klassenmeisterschaft im Fußball, zum Beispiel. Er versprach es. Bisher hielt er immer, was er versprach.

 

Der Zug hielt, Kontrolleure stiegen ein. Potsdam. Er war wieder über der Grenze, beinahe zu Hause. Und Gerhard? Wann wird er seinen Bruder wiedersehen?

 

August 2003   

05.02.2010